Oi gente! – Erste Eindrücke aus Brasilien

Drei Wochen ist es her, dass meine Füße zum ersten Mal brasilianischen Boden berührt haben. Die Faszination für das größte Land Südamerikas begleitet mich schon seit mehr als zehn Jahren. Umso weniger erscheinen mir einige Situationen hier real. Man stelle sich vor: Eine Bucht mit weißem Sandstrand, azurblauem Meer, tropischen Pflanzen, die sich links und rechts am Ende des Strands erheben, Fischerboote, die im Meer schaukeln, bunte Sonnenschirme, noch buntere Bikinis und am Horizont das Festland mit seinen dicht bewachsenen Hügeln, die sich hinter dem Sandstrand erheben. Genau diese Situation habe ich am Samstag auf der Ilha do Campeche erlebt, einer kleinen Insel vor Floriánopolis im Bundesstaat Santa Catarina.

Ja, Brasilien ist Strand, Meer und knappe Bikinis. Aber es gibt noch sehr viel mehr zu entdecken. Für sechs Monate werde ich im Süden Brasiliens an der Pontifícia Universidade Católica do Paraná in Curitiba „Digitale Kommunikation und Online-Branding“ studieren. Vergangene Woche bei den Orientierungstagen an der Uni sagte die Betreuerin des International Office, wir befinden uns gerade – so kurz nach der Ankunft – in der „Honeymoon-Phase“. Ganz sicher bin ich mir da nicht. Die ersten Tage waren ziemlich aufregend, jedoch auch geprägt von vorsichtigen Schritten in Richtung Alltag in Curitiba. Schließlich hat mich der Aspekt Sicherheit im Vorfeld ziemlich beschäftigt. Nach drei Wochen kenne ich zwar nicht jeden Winkel der Stadt, aber ich habe endlich einen Orientierungssinn, kenne die interessanten Bairros (Stadtviertel) und finde mich gut in den Straßen der Zwei-Millionen-Stadt zurecht. Für das Bussystem brauche ich zwar immer noch eine App, dafür kann ich dem Taxifahrer problemlos auf Portugiesisch den Weg zu meiner WG beschreiben.

Die ersten Wochen brachten zwei Umzüge, bürokratischen Aufwand, viele neue Gesichter, brasilianisches Essen, echte Caipirinhas und die Suche nach dem besten Bier Brasiliens mit sich. Nicht zu vergessen: die Sprache – ein essentieller Bestandteil des Lebens hier. Ich bin ziemlich froh, dass ich die letzten Jahre in Deutschland schon Portugiesisch-Kurse besucht habe. Denn wie Watzlawick schon feststellte: Man kann nicht nicht kommunizieren. Insbesondere in einem Land, in dem die zwischenmenschliche Kommunikation von so großer Bedeutung ist. Wo man in Deutschland einen Automaten oder eine Maschine stehen hätte, sind hier Menschen im Einsatz. Sei es, dass es in jedem Bus einen Busfahrer und einen Ticketverkäufer (!) gibt. Auf der Autobahn kündigen Fahnen-schwenkende Bauarbeiter eine Baustelle an. Und die Buskarte lädt man nicht am Automaten auf, sondern bei der Verkäuferin im klitzekleinen Zeitschriftenladen. Auch wenn ich schon viele, vor allem junge, Brasilianer getroffen habe, die sehr gutes Englisch sprechen, im Alltag ist Portugiesisch unverzichtbar. Aktuell träume ich aber noch davon, mich fließend an der Bushaltestelle zu unterhalten (und die Curitibanos unterhalten sich liebend gern an der Haltestelle).

Ansonsten fühle ich mich ziemlich gut im brasilianischen Alltag angekommen. Mehr muss ich mich immer noch an die Größe meines neuen Wohnorts gewöhnen als an die brasilianische Lebensweise. Die Brasilianer machen es einem aber auch leicht: Gutes und günstiges Essen, mit wunderschönen Pflanzen übersäte Straßen mitten in der Millionenstadt, viele Sonnenstrahlen (abgesehen von heftigen Wolkenbrüchen hier und da), Beijos (Küsschen) und Abraços (Umarmungen) wohin man schaut und die Freundlichkeit der Menschen, die man hier nicht suchen muss, sondern die ständig spürbar ist, sei es auf der Ausgehmeile spät abends, im Café ums Eck oder im Bus. Das Wichtigste, das man hier braucht, ist Zeit. Es gibt zwar einen Busfahrplan, aber das heißt nicht, dass der Bus nicht 20 Minuten später kommen kann oder aber auch fünf Minuten zu früh – und dann nicht wartet. Brasilianer lieben außerdem Nummern und Warteschlagen. Scheint auf den ersten Blick ungewohnt, aber es steckt ein System dahinter, das funktioniert. Letztendlich gibt es für alles eine Lösung und für alles einen Laden, man muss nur wissen, wo man hin muss. Womit wir auch wieder bei der Kommunikation wären…

Nachdem Brasilien schon so lange ganz oben auf meiner Must-See-Liste gestanden hat, bin ich von einem aufs andere Mal überrascht, wie sehr die Realität mit meiner Vorstellung übereinstimmt. Natürlich ist nicht alles rosarot, auch die negativen Seiten gehören zu dieser Auslandserfahrung dazu. Seien es die oftmals verwahrlosten Menschen, die einem mit ihren Metallwägen auf den Straßen entgegenkommen und entweder Karton oder Plastik sammeln, die Favela, die der Bus zur Uni täglich durchquert, oder die Tatsache, dass ich zu später Stunde nur noch mit dem Taxi unterwegs sein kann. Auch das sind Erfahrungen, mit denen man sich als Deutsche erst einmal bewusst auseinandersetzen muss. Das Schlimme ist, in Barcelona haben mich Müllsammler deutlich mehr geschockt als hier. Schließlich ist das doch Europa, sagt die innere Stimme. Dennoch habe ich das Gefühl, dass der Unterschied zwischen arm und reich hier genauso wenig angesprochen wird wie in Europa. Da sprechen die Brasilianer lieber über ihre korrupte Regierung – ein öffentliches Dauerthema, auch in den Nachrichten. Ich bin gespannt, in den kommenden Monaten auch auf politischer Ebene mehr über meine Heimat auf Zeit zu erfahren.

Nach drei Wochen bin ich mehr als froh, über meinen eigenen Schatten in das Abenteuer Brasilien gesprungen zu sein. Denn nur wenn man es selbst erlebt, kann man sich meiner Meinung nach ein Urteil bilden. Schließlich hat Brasilien so viel mehr zu bieten als Samba, Strände und Caipirinha. Até logo!

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