News aus Lillehammer #GIJC15

Anfang Oktober fand in Lillehammer die neunte Global Investigative Journalism Conference statt. Über 900 Investigativjournalisten aus 120 Ländern haben vier Tage lang ihr Wissen geteilt. Was hat mir die Konferenz gebracht? Ich hab’s in 3 Punkte zusammengefasst.


ICH HABE VIEL GELERNT.

Eine Liste mit den 100 besten Datenbanken für Internet-Recherche haben Margot Williams und Gary Price präsentiert. Es ist wirklich unglaublich, welche Daten kostenlos oder für wenig Geld öffentlich verfügbar sind. Von den 100 teuersten Yachten der Welt über Flugzeuge bis zu US-Häftlingen, zu fast allem gibt es irgendwo im Netz eine Datenbank. Auf iplocation.net kann man zum Beispiel einen Menschen mithilfe seiner IP-Adresse ziemlich genau lokalisieren – oder herausfinden, was dort über die eigene IP-Adresse bekannt ist. Die Liste aller Datenbanken findet ihr hier und hier.

Margot Williams und Gary Price.

Margot Williams und Gary Price teilen ihre Liste der 100 besten Datenbanken für Internet-Recherche.

Wie man mithilfe von Google und Facebook Gerüchte überprüft, hat uns Henk van Ess gezeigt. Ist simpel, aber sehr wichtig – nicht nur für Online-Journalisten, die in der Lage sein müssen, gleichzeitig schnell und journalistisch korrekt zu arbeiten. Sollte jeder Journalistik-Student lernen. Wie Henk van Ess ein Gerücht über den Papst falsifiziert hat, findet ihr hier. Eine allgemeinere Anleitung für sein Recherche-Tool Facebook-Graph gibt’s hier. Und wer noch mehr Recherche-Tips will, der findet auf dieser Seite noch ein paar Artikel.

Was man mit Google alles herausfinden kann, ist wirklich beeindruckend. Wir nutzen allerdings nur einen Bruchteil der Tools, die Google uns bietet. Gerade wir Journalisten brauchen in diesem Bereich eine bessere Ausbildung bzw. überhaupt eine Grundausbildung. Wir können effektiver und erfolgreicher recherchieren, wenn wir die vielen Google-Tools und -Codes kennen. Den Link zu Daniel Russell’s Google-Tips findet ihr im Tweet.

Während der Recherche zum Abschuss von Flug MH17 musste Eliot Higgins von Bellingcat oft die Echtheit von Fotos verifizieren, die auf Twitter oder Facebook gepostet wurden. Und auch hier sind die Methoden grundsätzlich nicht besonders kompliziert. Es kostet einfach Zeit, sie anzuwenden. U.a. mithilfe von Fotos, Google Maps, Google Street View und Satellitenbildern kann Eliot Higgins den genauen Ort, das Datum und die Uhrzeit von Fotos herausfinden. Zu welcher Uhrzeit das Foto eines russischen LKW’s aufgenommen wurde, hat Higgins zum Beispiel herausgefunden, indem er den Schattenwurf eines Baums auf dem Foto mit einem Sonnenstands-Tool von Google verglichen hat. An der Recherche waren auch deutsche Journalisten von Correctiv beteiligt.

Einige der oben genannten Journalisten haben zusammen das Verification Handbook geschrieben, man kann es kostenlos herunterladen. Solltet ihr machen. Weitere nützliche Vorträge und Workshops habe ich kurz zusammengefasst.

Fact Check your Story – Before it’s too late. Der schwedische Journalist Nils Hanson hat ein System der Qualitätskontrolle für Veröffentlichungen entwickelt. Eine praktische Anleitung, wie man als Journalist Fehler vermeidet.
Facebook Tricks, Tips and Secret Hacks. Paul Myers zeigt u.a., wie man auf Facebook Personen findet. Praktische Tips und Anleitungen dazu gibt’s auf researchclinic.net unter Research Links und Study Material and Articles.
Mastering Timelines. Mark Lee Hunter und Luuk Sengers zeigen, wie man mithilfe eines Zeitstrahls Ereignisse rekonstruieren oder vorhersagen kann. Hilfreiche Methode, um eine Recherche zu strukturieren. Eine Zusammenfassung ihres Workshops und kostenlose Bücher mit Tips für Investigativ-Journalisten von Hunter & Sengers findet ihr in den Links.
Crypto-Party. Mit dem Tor Browser könnt ihr beim Surfen im Internet nicht identifiziert werden. Wenn ihr mit dem Smartphone sicher (oder zumindest so sicher wie mit einem Smartphone möglich) kommunizieren wollt, könnt ihr folgende Apps nutzen: Red Phone, Secure Message, Threema, Signal. Schnell und einfach zu installieren.

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Die meisten Recherchemethoden, die ich auf der GIJC gelernt habe, sind eigentlich ziemlich simpel. Man muss sie einfach beigebracht bekommen.


AUSTAUSCH UND KOOPERATION ZWISCHEN JOURNALISTEN PRODUZIERT BESSEREN JOURNALISMUS.

Ein Beispiel dafür ist #luxleaks. Die Geschichte – an der übrigens auch der Eichstätter Absolvent Frederik Obermaier mitgearbeitet hat – war in dem Ausmaß nur möglich, weil die Recherche durch das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) koordiniert wurde. Journalisten aus verschiedenen Ländern teilten ihre Ergebnisse und konnten so effektiver und schneller arbeiten. Auf der Konferenz haben David Leigh vom Guardian und Oliver Zihlmann auch einen praktischen Trick verraten, wie man mithilfe der IBAN-Nummer herausfindet, ob ein Konto noch aktiv ist. Das war in diesem Fall nützlich, weil manche Kontodaten den Journalisten nur bis zum Jahr 2009 vorlagen. Der Trick: Man überweist einen kleinen Betrag auf das Konto. Falls es nicht mehr aktiv ist, wird der Betrag zurückgesendet.

Das Team von The Migrants‘ Files sammelt Daten zum Thema Flüchtlinge. Eine der Datenbanken zählt Migranten und Flüchtlinge, die auf der Reise gestorben sind. Sie wird regelmäßig aktualisiert und jede Leiche anhand öffentlich verfügbarer Daten verifiziert – eine sehr aufwändige Arbeit, für die die Journalisten viel Durchhaltevermögen brauchen. Doch anstatt die Daten exklusiv zu verkaufen, teilt sie das Team von The Migrants‘ Files auf der Homepage. Die Datenbank, die ihr für eure eigene Geschichte verwenden könnt, findet ihr unter diesem Link.

Sylke Gruhnwald spricht über

Sylke Gruhnwald spricht über ihr Projekt „The Migrant’s Files'“.

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Natürlich wird das Konkurrenzdenken zwischen Journalisten nicht ganz verschwinden. Trotzdem: So viel Bereitschaft, wertvolles Wissen zu teilen habe ich von Journalisten nicht erwartet. Wenn Medien ihre Recherche-Ergebnisse teilen, für Geschichten über Landesgrenzen hinaus kooperieren und voneinander lernen, kann das ihre Arbeit erleichtern und besser machen.


ICH KANN DIE WELT VERBESSERN.

Das wichtigste, das ich von der Global Investigative Journalism Conference mitnehme, ist Motivation. Wie hart viele der Journalisten arbeiten, um etwas zu verändern und wie viel sie dabei teilweise riskieren, hat mich beeindruckt. Ihre Geschichten machen Mut.

Der syrische Filmemacher Firas Fayyad hat von der Arbeit an seinem Dokumentarfilm erzählt. Für den Film hat er syrische Kinder ihre Flucht über das Mittelmeer mit dem Smartphone filmen lassen. Der Zuschauer ist in diesen Szenen näher am Geschehen, als wenn er es durch die Linse eines Journalisten sehen würde. Die Aufnahmen sind authentisch, fangen die Angst und Gefahr der Menschen sehr eindrücklich ein.

Der ghanaische Filmemacher Anas Aremeyaw Anas hat sein Gesicht selbst auf dieser Konferenz verborgen, trotz der bewaffneten Security, die die Konferenz rund um die Uhr geschützt hat. (BILD) Mit seinen Filmen deckt er Korruption und Machtmissbrauch in Afrika auf, nutzt dabei aber Methoden, die von westlichen Journalisten viel kritisiert wurden. Darüber, dass viele europäische Journalisten von oben herab auf ihre afrikanischen Kollegen blicken, ist er wütend. Er wisse am besten, wie er seinen Job in seinem Heimatland zu machen habe, er kenne den Kontext wesentlich besser als seine westlichen Kollegen. Und wenn er eine versteckte Kamera nötig sei, um korrupte Machthaber zu enttarnen, dann benutze er sie natürlich. Erst vor kurzem wurden Ermittlungen wegen Korruption gegen 7 der 12 höchsten Richter Ghanas eingeleitet, ausgelöst durch einen Film von Anas.

Leslee Udwin erzählte mit ihrem Film India’s Daughter, wie es zur brutalen Gruppenvergewaltigungen der indischen Medizinstudentin Jyoti Singh kommen konnte. Sie hat mit den Tätern stundenlange Interviews geführt und zeigt, wie das Frauenbild, das indische Männer von Geburt an eingeimpft bekommen, sie zu Vergewaltigern werden lässt.

Journalistin ist sie nicht, mehr eine Aktivistin, steht während der Diskussionsfragen auch mal auf und brüllt ins Publikum. Am Anfang ein bisschen einschüchternd, im zweiten Moment einfach ehrlicher. Sollten wir Journalisten uns manchmal auch ein bisschen mehr trauen.

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All diese Geschichten haben mir wieder mehr Mut gemacht. Ich will rausgehen, Geschichten finden, erzählen und die Welt damit ein bisschen weniger beschissen machen, als sie heute noch ist. Vielleicht klappt’s ja sogar.

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Diskutiert mit dem Autor auf Twitter: @lennybest_

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