Das Abenteuer Kampala – BodaBoda-Fahren, Polizeikorruption und Studentenstreik

Freunde sind misstrauisch, Reiseführer warnen davor und das Auswärtige Amt rät davon ab, doch trotzdem nutzen wir, wie jeder andere hier, das ugandische Motorradtaxi – das sogenannte BodaBoda.

Der Name steht ursprünglich für die Motorrad- und Fahrradtaxis, die Anfang der 1990er Jahre Güter an der Grenze zwischen Kenia und Uganda hin und her geschmuggelt haben. Aus „Border to Border“ wurde „BodaBoda“. Mittlerweile wuseln sich tausende BodaBodas überall durch die Staus und Innenstädte Ugandas. Für uns sind sie die einfachste Möglichkeit schnell und günstig überall hinzu gelangen, allerdings wählen wir unsere Fahrer gezielt aus. Auswahlkriterien sind zum Beispiel Warnwesten, Helme, funktionierendes Vorderlicht und ein möglichst geringer Alkoholpegel des Fahrers. Mit Hilfe einiger Wörter in Luganda und etwas Verhandlungsgeschick kommen wir sofür umgerechnet weniger als einen Euro überall hin und haben dabei meistens auch richtig Spaß. Als Mitfahrer sollte man allerdings immer aufmerksam sein, um in kritischen Situationen die Beine einziehen oder abspringen zu können. Bis auf eine Ausnahme gab es aber bisher keine erwähnenswerten Zwischenfälle.

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Das Tacho bei diesem Boda funktioniert ist eine absolute Rarität.

Richtig problematisch kann es nämlich eigentlich nur dann werden, wenn man Nachts als „Musungus“ zu zweit mit einem unvorsichtigen Fahrer so oft und so langsam an einer Polizei-Patrouille vorbei fährt, dass die schlafenden Polizisten vom Lärm des Bodas  aus ihrem Schlaf gerüttelt werden. Eigentlich leicht zu umgehen, eigentlich…

Plötzlich biegen wir in eine Tankstellen und der Fahrer zischt uns hektisch zu: „Get off the bike, get off!“ Zu Spät. Ein dunkler Polizei-Jeep schneidet uns den Weg ab und bringt uns zum Stehen. Auf der Ladefläche des Pick-up’s sitzen fünf uniformierte Männer mit Maschinengewähr und grinsen zu uns runter. Während uns der vermeintliche Boss der Truppe erklärt, dass zu zweit fahren verboten ist, fuchteln seine Kollegen selbstsicher mit ihren schweren Waffen herum. Sie wollen 200000 UGX pro Person und uns mit aufs Revier nehmen. Der Boda-Fahrer wibbt nervös vor und zurück. Während ich versuche jemanden anzurufen, der uns hier raus helfen kann, deuten uns die Männer an: „We can find another solution!“ Auf irgendwelche Zwielichtigen Deals wollen wir uns aber nicht einlassen und als sie merken, dass ich Verstärkung gerufen habe werden sie ungeduldig. Wir sollen sofort in den Polizei-Jeep einsteigen damit wir die Tankstelle verlassen können. Auf keinen Fall wollen sie auf unsere Verstärkung warten. Von der Bewaffnung und der Überzahl eingeschüchtert, steigen wir in den Jeep. Ruckartig prescht der Wagen los. Telefonisch versuche ich unserer Verstärkung auf dem Laufenden zu halten. Der Jeep biegt in unbeleuchtete Straßen und wird schließlich langsamer. Noch einmal werden wir auf „another Solution“ hingewiesen. Stille in der Fahrerkabine. Erhöhter Pulsschlag. Der Jeep bleibt abrupt am Straßenrand stehen. Verunsichert steigen wir aus. Kurze Orientierungslosigkeit, plötzlich biegen zwei Minibustaxen mit quietschenden Reifen in die Straße ein. Die Rettung. Zwei Minibusse voll mit Eichstätter Studenten, die ein 20 tägiges Praktikum in einer örtlichen Schule absolvieren. Die beiden einheimischen Fahrer stürmen aus ihren Bussen und eilen uns zur Hilfe. Bis heute wissen wir nicht genau, was die beiden zu den Polizisten gesagt haben, aber nach einer Weile hat uns der Chef der Truppe die Hände geschüttelt und sich bei uns für jegliche Einschüchterung entschuldigt. Gezahlt haben wir überhaupt nichts und Boda fahren wir immer noch gerne, allerdings meistens auf einzelnen Bodas.

Zurück zum Uni-Alltag. Von richtigem Alltag in den letzten zwei Wochen kann ich nicht wirklich sprechen, denn wir haben uns bewusst vom Campus fern gehalten. „Don’t go to campus today!“, „Felix, are you safe?“, „The strike is going to be bloody!“, „Stay home!“ – Whatsapp-Nachrichten von unseren Kommilitonen. Studentenstreik klingt erst einmal harmlos, protestierende Studenten, Plakate, Protestrufe und vielleicht noch eine kleine Straßensperre. Nicht in Uganda.

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Die Menschen fliehen vor den Tränengas-Granaten der Polizei.

Rennende Menschen, brennende Autoreifen, Steine fliegen durch die Luft und eine überforderte Polizei wirft mit Tränengasgranaten zurück. Ausnahmezustand auf dem gesamten Campus der Makerere University und der unmittelbaren Umgebung. Die Studenten fordern eine Fristverlängerung für Studiengebühren und dafür werden Gebäude gestürmt und Studenten werden gewaltsam von anderen Studenten für den Streik rekrutiert. Wer sicher sein will bleibt zu Hause. Je weiter weg vom Campus, desto besser. Die unkontrollierbare Studentenmeute wütet nämlich auch außerhalb des Campus. Zum Beispiel im Studentenviertel Kikoni, wo auch wir residieren. Von unserem Balkon aus haben wir das Spektakel hautnah und trotzdem aus sicherer Distanz miterleben dürfen. Die Menschen in unserer Straße haben sich in ihren Häusern verbarrikadiert und ihre Geschäfte geschlossen. Die Balkone waren gefüllt mit Schaulustigen und in der Ferne rollte ein tobender Protestzug heran. Tränengas lag in der Luft. Bei der Explosion einer Tränengasgranate in unmittelbarer Nähe bin ich so erschrocken, dass ich mich mit dem Rücken gegen die Balkontür geworfen und mir dabei einen langen Kratzer zugefügt habe. In unserer Straße wurde sogar eine Feuer gelegt um die Straße zu blockieren, es wurde alles verbrannt was greifbar war. Ein Katz und Maus Spiel zwischen der Polizei und den Studenten. Am Ende kam die Militär-Polizei zur Unterstützung und beendete die Anarchie. Das Ergebnis: 37 Festnahmen und mehrere  Verletzte.

Feuer_Streik

Alles was greifbar war wurde ins Feuer geworfen.

Verletzungen sind nicht zuletzt durch das brutale Vorgehen der Polizei entstanden. Mit Schlagstöcken und Holz-blanken wurden die Studenten auf die Ladeflächen der Pick-Up’s geprügelt. Eine Studentin wurde bewusstlos, als die Polizei Tränengasgranaten in ein Studentenwohnheim warf. Nach drei Tagen war es zum Glück vorbei, die Forderungen der Studenten wurden zum Teil erfüllt allerdings schon bevor der Streik richtig in Gang gekommen war.

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Eine Festnahme in Kikoni. Der Student lag bereits am Boden, trotzdem haben die Beamten auf ihn eingeknüppelt.

Matoke2

Matoke, Reis, Sweet Potatos, Gemüse und Erdnusssoße.

Die geschilderten Ereignisse waren zwar nicht immer angenehm, aber trotzdem habe ich nach wie vor eine unglaubliche Zeit in Uganda, die auch von vielen schönen Ereignissen geprägt ist. Zum Beispiel haben wir bei nächtlichen Ausflügen einen berühmten ugandischen Rapper namens „Navio“ getroffen und wurden schon zahlreich afrikanisch bekocht. Meine favorisierte Speise ist die Kochbanane „Matoke“ mit Gemüse und Kartoffeln. Außerdem ist das Angebot an saftigen Avocados riesig und die Menschen sind gastfreundlich und hilfsbereit. Ich gewöhne mich zunehmend an die ugandische Angewohnheit alles noch lockerer und entspannter zu sehen, aber vor Allem werde ich geduldiger. Es macht mir mittlerweile nichts mehr aus, dass ich noch immer weder eine Studentenausweis, noch ein Studentenvisum habe. Die Hälfte meines Aufenthalts ist vorbei, ich fühle mich jetzt schon unglaublich bereichert an neuen Erfahrungen und kann mir kaum vorstellen, dass nochmal genau so viele spannende Erlebnisse vor mir liegen.

Navio

Rapper „Navio“ mit seinen Groupies.

Liebe Grüße aus Uganda!

Euer Felix

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