Unschuld

„Kinder sind Hoffnung“ – Novalis. 

Die Verletzlichkeit der Kinder zeigt am eindrücklichsten, was die Flucht mit Menschen macht. Ich war am Wochenende in Ungarn und Serbien unterwegs und habe sie fotografiert. 

Am Samstag morgen fahren wir los. Zusammen mit Fotograf Michel aus Kanada und Fotografin Loulou aus Schweden. Michel habe ich eine Woche zuvor am Wiener Westbahnhof kennengelernt. Er arbeitet zurzeit in Linz an einem Fotoprojekt, Loulou fotografiert für die französische Zeitung Le Monde.

Von Wien in Richtung Südosten, Ziel Röszke in Ungarn.Wir wollen mit den eigenen Augen sehen was dort passiert.

Samstag 12. September, Station eins Nickelsdorf. Als Erstes fahren wir an die Grenze zwischen Österreich und Ungarn, nach Nickelsdorf. Hier kommen seit Tagen tausende Flüchtlinge an, die Meisten wollen weiter nach Deutschland.

Fast alle von Ihnen überqueren die Grenze zu Fuß, bekommen etwas zu essen, werden medizinisch versorgt und versuchen dann einen Platz im Bus nach Wien zu bekommen.

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12. September, Station zwei Ostbahnhof Keleti in Budapest. Der Ort, von dem die Medien so viel Leid und Elend gezeigt haben. Dort hat es sich etwas beruhigt, glaube ich, jedenfalls an diesem Samstag. Oben auf dem Bahnhofsvorplatz findet ein Konzert statt. Motto: „Refugees Welcome“. Unten im Erdgeschoss campen Flüchtlinge, werden von Freiwilligen mit Essen und Kleidung versorgt. Nur wenige Züge fahren heute Richtung Österreich.

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Wir wohnen direkt am Bahnhof mit Blick auf die Zelte der Flüchtlinge. Dort unten hausen Menschen auf dem Boden, und ich schlafe im vier Sterne Hotel für 25 Euro die Nacht. Ich fühle mich schlecht. Ich lebe im Luxus, Überfluss, weil ich das Glück hatte in Deutschland aufzuwachsen. Kinder dort unten, von denen mich nichts unterscheidet. Außer der Geburtsort.

Sonntag 13. September. Wir stehen früh auf sind nochmal am Bahnhof. Es ist kalt, ich bin mit dicken Wollpullover und Snowboardjacke unterwegs. Noch immer liegen hier Flüchtlinge, werden von Freiwilligen versorgt.

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Sonntag 13. September, Szeged. Wir fahren in die größte Stadt an der serbischen Grenze, nach Szeged. Dort liefern wir unser Gepäck im Hotel ab.

Dann weiter nach Röszke. Wir parken 200 Meter vom Flüchtlingscamp auf einer kleinen Landstraße, vor uns TV-Übertragungswagen, Polizeibusse, Privatautos. Mit dem Wind zieht mir ein fauliger Geruch in die Nase. Als ich das Camp erreiche weiß ich, warum. Müll. Müllcontainer randvoll, Müll zwischen den Zelten. Überall Müll. Wir folgen den Bahngleisen Richtung Serbien. Dort wo am Montag Abend die Grenze dicht gemacht wurden erreichen an diesem Sonntag in einem endlosen Strom Flüchtlinge den Schengenraum.

Wir überqueren die Grenze zu Fuß. Einige Flüchtlinge campen auf serbischen Boden. Wir erklären ihnen: Auf rüber, sofort, wenn ihr weiter wollt, dann jetzt, die Ungarn machen bald dicht. Viele sind ahnungslos, wollen nicht in Ungarn registriert werden. Haben über Handy von anderen Erfahren wie es im Flüchtlingslager ist, wollen nicht in Ungarn bleiben, sondern weiter nach Deutschland. Manche trauen uns nicht, andere folgen unserem Rat und überqueren die Grenze.

Immer wieder kommen Kinder an mir vorbei. Sie sind es die für die positiven Momente sorgen. Sie haben auf Ihrer Flucht einiges durchgemacht haben. Das sieht man Ihnen an. Trotzdem schenken viele Kinder einem ein Lächeln.

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Als es schon dunkel ist, wird wieder ein Bus bereitgestellt, der die Flüchtlinge vom provisorischen Camp wegbringen soll. Der Boden ist matschig, einige Flüchtlinge sind total müde. Manche Kinder haben immer noch Energie.

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Montag 14. September. Wir fahren wieder an die serbische Grenze. Es ist kurz nach sechs Uhr morgens. Militär rückt an, Flüchtlinge überqueren immer noch die Grenze. Anschließend fahren wir zum Bahnhof Röszke. Flüchtlinge werden hier von der ungarischen Polizei in Bussen angekarrt und dann in einen Zug eskortiert. Man sagt ihnen, dass der Zug sie nach Österreich bringt.

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Die Rückfahrt nach Wien. Michel und ich sind jetzt alleine unterwegs, Loulou fotografiert die Grenzschließung für Le Monde. Ich wäre gerne noch geblieben, aber der Mietwagen muss zurück nach Wien.

Wir wollen nochmal nach Nickelsdorf fahren, in den letzten zwei Tagen sollen hier Tausende Menschen angekommen sein, die Behörden sind überfordert. Zehn Kilometer vor Nickelsdorf werden wir von der Autobahn geleitet. Der Grenzübergang ist zu, die Landstraße auch gesperrt. Die Polizei lässt uns trotz Presseausweis nicht passieren. Also lassen wir diese Station aus und fahren über Bratislava zurück nach Wien. Wir parken das Mietauto im vierten Stock im Parkhaus am Wiener Westbahnhof, nehmen den Aufzug nach unten. Im Erdgeschoss sind gefühlte 200 Flüchtlinge.

Diese und alle anderen Kinder auf der Flucht vor dem Krieg, vor Elend und Armut sind unschuldig. Mögen sie bald eine neue Heimat finden und in Frieden erwachsen werden.

Christoph Eiben

@chrieib

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