How to live like a Finn

Hyvää päivää! Die ersten Tage im hohen Norden sind vorbei. Und wir – das sind Elli und Amanda – können sagen, dass in Oulu, der Hauptstadt von Nord-Skandinavien, alles ein bisschen anders ist als in Deutschland . Und doch kann man sich auf Anhieb in die idyllische Hafenstadt verlieben. Was wir schon alles erlebt, probiert und kennengelernt haben? Hier kommt die Antwort.

Amanda und Elli vor dem "Big stone Ball", einem beliebten Treffpunkt auf dem Campus.

Amanda und Elli vor dem „Big stone Ball“, einem beliebten Treffpunkt auf dem Campus.

Der erste Tag in der Uni beginnt mit einem Zettel, auf dem die Nummer 848 steht. Wir stehen im Student Center (Sekretariat), weil irgendwas mit den Login-Daten für das Campus-System nicht geklappt hat. Auf dem Schild über der Tür blinkt in roten Zahlen die Nummer 679. Eine Stunde später sind wir bei Nummer 694 angekommen. Beeindruckendes Tempo.
Wer deutsche Bürokratie für überkorrekt hält, sollte unbedingt einmal hierher kommen. Egal, ob man ein Problem in der Uni lösen möchte oder eine Briefmarke auf der Post kaufen, zuerst wird eine Nummer gezogen. Und dann gewartet. Manchmal auch anderthalb Stunden. Oder auch zwei. Oder man wirft die Nummer weg und schreibt eine E-Mail.

Finnische Idylle.

Finnische Idylle.

Was wir in unserer Reiselektüre („Die Spinnen die Finnen“ von Dieter Hermann Schmitz) gelesen haben, konnten wir am ersten Tag also schon bestätigen: Die Finnen sind ein sehr geduldiges Völkchen – und ein sehr schweigsames noch dazu. Das liegt sicher unter anderem daran, dass die Landschaft hier eine unglaubliche Ruhe ausstrahlt. Man kann stundenlang am Hafen oder am Strand sitzen, auf das Meer gucken und die Stille genießen ohne dass es langweilig wird. In die Landschaft haben wir uns schon am ersten Tag verliebt: Viel grün, weite ebene Flächen und ganz viel Wasser.

Der täglich mögliche Ausblick, wenn man zehn Minuten mit dem Rad fährt.

Der täglich mögliche Ausblick, wenn man zehn Minuten mit dem Rad fährt.

Zurück zu den schweigsamen Finnen: Obwohl der Bus am frühen Morgen voller Menschen ist, hört man kaum Gespräche. Das Bussystem hat uns übrigens einiges an Nerven gekostet, als wir hier angekommen sind: Es gibt keine festen Haltestellen und nur ungefähre Abfahrtszeiten. Wer ein- oder aussteigen will, muss winken bzw. einen Knopf drücken. Tut man das nicht, steht man auch mal ein Weilchen und wundert sich, warum jeder Bus an einem vorbei fährt.

So sieht eine finnische Bushaltestelle aus - kein Schild mit Abfahrtzeiten, kein Bushäuschen. Nur ein gelbes Schild und viel Platz zum winken.

So sieht eine finnische Bushaltestelle aus – kein Schild mit Abfahrtzeiten, kein Bushäuschen. Nur ein gelbes Schild und viel Platz zum winken.

Zudem ist der Bus ist hier ein Fortbewegungsmittel für Finnen, die etwas besser verdienen: Eine einfache Fahrt von Ellis Wohnheim zur Uni (ca. 5 km) kostet 3,30 Euro. Viele Studenten haben ein eigenes Auto, aber meist ältere Gebrauchtwagen. Auf den Straßen findet man grundsätzlich keine teuren Modelle, ganz anders als in Deutschland. Einen Porsche oder Ferrari haben wir in zwei Wochen noch nicht entdeckt, das Lieblingsauto scheint ein gebrauchter BMW zu sein.

Doch die billigste und beliebteste Art, von A nach B zu kommen, ist das Fahrrad. Angeblich gibt es hier sogar extra Fahrrad-Winterreifen für die eisigen Monate – anders kommt man bei den Schneemassen, die uns bald erwarten, nicht mehr vorwärts. Wir sind gespannt!

Amandas Fahrrad, idyllisch im Wald arrangiert. Der Hintergrund ist unser täglicher Weg zur Uni.

Amandas Fahrrad, idyllisch im Wald arrangiert. Der Hintergrund ist unser täglicher Weg zur Uni.

Finnen sind nicht nur schweigsam, sie gehen auch jeglichen Konfrontationen aus dem Weg. Schon an unserem ersten Tag in der Uni bekamen wir einen kleinen Knigge-Kurs, wie man hier mit den Dozenten und Professoren umzugehen hat. Emotionen jeglicher Art können in einem Gespräch schnell dazu führen, dass das Gegenüber die Flucht ergreift. Wirklich! Das ist nämlich die bevorzugte Art der Skandinavier, einen Konflikt zu lösen. Möchte man also über eine (möglicherweise) ungerechte Notengebung oder andere Probleme sprechen, sollte man sich vorher beim Sport auspowern oder ein Beruhigungs-Bier trinken (wenn man es denn bezahlen kann).

Amanda und Elli trinken ihr erstes finnisches Bier - es hat sechs Euro gekostet.

Amanda und Elli trinken ihr erstes finnisches Bier – es hat sechs Euro gekostet.

Aus eigener Erfahrung kann das Elli auch bestätigen: Wird man im Supermarkt von einem Einkaufswagen attackiert oder in der belebten Fußgängerzone angerempelt, ist das höchste der Gefühle ein gebrummtes „Oho“. Danach geht es schnell hinter das nächste Regal oder um die Ecke.

Spaß muss sein - als wir uns eine Primel und andere Sachen für unser Zimmer im Wohnheim gekauft haben, waren wir hungrig!

Spaß muss sein – als wir uns eine Primel und andere Sachen für unser Zimmer im Wohnheim gekauft haben, waren wir hungrig!

 

 

Ellis Wohnheim in Oulu ist vor allem mit anderen Erasmus-Studenten gefüllt: Sie teilt sich acht Stockwerke mit 200 Kommilitonen aus allen Teilen der Welt. Mit ihr in der Wohnung wohnen zwei Ungarn, zwei Franzosen, eine Amerikanerin und ein weiterer Deutscher. Vier Kulturen mit eigenen Ess-, Feier- und Lern-Gewohnheiten treffen aufeinander und erschaffen eine völlig neue Welt. Auch Amanda teilt sich die Wohnung mit acht anderen Erasmus-Studenten – und nur einer Dusche. Das ist sehr anstrengend, aber gleichzeitig eine tolle Sache. Das Zimmer ist nicht groß, aber in klaren Nächten können wir die Polarlichter vom Zimmer oder vom Dach aus sehen und dieser Anblick macht fast alles wett.

Neue Erasmus-Freunde: Marie, Amanda, Lemon, Jamie und Franzi (v. l. n. r.)

Neue Erasmus-Freunde: Marie, Amanda, Lemon, Jamie und Franzi (v. l. n. r.)

Die Uni (Yliopistu Oulu) hat uns Exchange Students (500 an der Zahl) sehr herzlich aufgenommen. Neben Willkommensgeschenken und einer tollen Einführungswoche gab es einen offiziellen Empfang im Theater der Stadt. Abgesehen von dem Hinweis, dass wir hier keine Dummheiten anstellen sollen, haben wir uns sehr hofiert gefühlt – inklusive Sektprickeln auf der Zunge und Chorgesängen in den Ohren. Die ersten Uni-Kurse haben diese Woche begonnen: Weil es keine Journalistik-Kurse in Oulu gibt, haben wir uns für Kultur- und Kommunikations-Veranstaltungen entschieden. Nächste Woche gehen wir mit unserem Archäologie-Kurs (Scandinavian Prehistory) in den Wald, Beeren sammeln und Blätter analysieren. Das wird ein Spaß! 🙂

Bäume über Bäume über Bäume - in Finnland sind sie überall.

Bäume über Bäume über Bäume – in Finnland sind sie überall.

Auch die anderen Kurse, beispielsweise über die Wikinger in Skandinavien oder „Überlebenstraining Finnisch“, machen Laune. Doch mit dem ersten Unterricht rücken auch die ersten Referate, Hausarbeiten und Prüfungen näher. Sehr verwirrend ist auch die Tatsache, dass die Kurse jeden Tag zu anderen Uhrzeiten und in anderen Räumen stattfinden. So irren wir beide ab und zu planlos durch die Uni, bis wir endlich die richtige Tür gefunden haben. Auch anders als in Eichstätt sind unsere beiden Kommunikations-Kurse. Dort haben wir keine Vorlesungen, sondern E-Mail-Kontakt mit den Professoren, die uns anweisen, welche Bücher wir wann lesen müssen und worüber wir Essays schreiben sollen.

Eine Panoramaaufnahme von der Uni.

Eine Panoramaaufnahme von der Uni.

Aber noch ist genug Zeit für uns, die Gegend zu erkunden. So richtig angekommen sind wir in Finnland nämlich noch nicht. Das letzte Wochenende haben wir in Raahe verbracht. Die Stadt liegt ca. 80 km entfernt von Oulu direkt am Strand. Dort haben wir eine wunderschöne Wanderung durch die Stadt zum Meer gemacht und dabei die alten Holzhäuser im typischen „schwedenrot“, die Wald-Idylle und natürlich den Ausblick genossen.

Müde, aber zufriedene Gesichter, als wir am Meer angekommen sind.

Müde, aber zufriedene Gesichter, als wir am Meer angekommen sind.

Leider gibt es für uns Bier-Liebhaber aus finanziellen Gründen nur noch Dosenbier von Lidl (übrigens der einzige Supermarkt, der bezahlbare Preise hat – einen Aldi gibt es leider nicht), aber selbst das schmeckt bei diesem Ausblick und für knapp zwei Euro die Dose richtig gut.

Elli freut sich, dass sie angekommen ist und ihr Bier mit Meerblick genießen kann.

Elli freut sich, dass sie angekommen ist und ihr Bier mit Meerblick genießen kann.

Nach einer Pizza für zehn Euro und einem sagenhaften Sonnenuntergang am Hafen genossen wir unsere weichen, sauberen Hotelbetten und das eigene Badezimmer. Diesen Luxus von den schönen Betten und Bädern zuhause vermissen wir hier schon sehr und nach unserer Rückkehr werden wir das viel mehr zu schätzen wissen.

Amanda, fotografiert beim Sonnenuntergang in Raahe.

Amanda, fotografiert beim Sonnenuntergang in Raahe.

 

Zusammenfassend ist Oulu eine schöne junge Stadt. Sie scheint ständig in Bewegung und es gibt viel zu erleben. Die Supermärkte haben 24 Stunden am Tag geöffnet. Am Hafen und in der Fußgängerzone befinden sich ständig Menschen, an jeder Ecke gibt es Kaffee und Munkki zu kaufen (ein köstliches Hefegebäck, schmeckt wie ein Krapfen mit Aprikosenmarmelade).

Kaffee und Munkki bei Hafenidylle genießen - unsere Lieblingsbeschäftigung.

Kaffee und Munkki bei Hafenidylle genießen – unsere Lieblingsbeschäftigung.

Der Fischmarkt, der jeden Samstag stattfindet, ist in ganz West-Finnland berühmt. Jeder hier kann gut Englisch sprechen und vor allem junge Menschen scheinen es selbstverständlich zu finden, dass internationale Gäste sie ständig nach dem Weg fragen. Und das muss man, denn die Straßenschilder sind für uns Finnisch-Anfänger unlesbar – wie alles andere hier auch.

Nun sitzen wir wieder unseren Zimmern im Wohnheim und versuchen, die vielen neuen Eindrücke in Worte zu fassen. Die ersten beiden Wochen in Finnland sind zu Ende, und damit eine sehr beeindruckende und emotionale Zeit. Aber wir fangen so langsam an, uns daran zu gewöhnen. Nummer ziehen hin oder her.

Grüße und Küsse nach Deutschland! Elli und Amanda

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