Bangkok und Ich

So, jetzt sitz ich hier. Ein spärlich eingeräumtes Hotelzimmer, alte, dunkelbraune Möbel, die Schranktür kaputt, vanillefarbene Wände, nicht ein Bild an der Wand, altes Bad, der Duschvorhang vergilbt, die Klimaanlage rattert vor sich hin. Im Fernsehen läuft MTV, auf chinesisch. Irgendein Asiate singt irgendetwas, hört sich an wie Pitbull. Durch meine Balkontür höre ich Verkehrslärm – und den Livesänger in der Bar gegenüber.

Ich könnte in jeder Stadt sein. Aber ich bin in Bangkok. Und immer, wenn ich mir das klar mache, zieht sich mein Magen zusammen. Er zeigt mir, dass ich das hier gerade nicht träume.

Ich weiß nicht, womit ich anfangen soll. Was am Besten darstellt, wie man sich hier anfangs fühlt. Wie man so viel Neues in Worte fassen soll, damit man es nachvollziehen kann. Mit der ersten Taxifahrt von Flughafen zum Hotel vielleicht, dem ersten Eindruck am nächsten Tag.

Angekommen bin ich am Dienstag, 4. August gegen 19 Uhr in Bangkok an dem Flughafen, dessen Namen so unfassbar lang ist, dass ich ihn mir nicht merken kann und so groß und unübersichtlich, dass ich ihn mit auch nicht merken will. Passkontrolle, Visakontrolle, Gepäckausgabe, alles ist reibungslos verlaufen. Nicht zuletzt wegen Mirko, meinem Lebensretter und Sitznachbar im Flugzeug, der regelmäßig in Thailand ist und mich „Küken“ an die Hand genommen hat. Geld wechseln, 37 Baht sind so viel wert wie ein Euro. Kurz was zu trinken und essen im 7/11 gekauft. Sandwich, Snickers, 1,5 Liter Wasser – 68 Baht. Nicht zu fassen. Raus an den Taxistand. Stockfinster ist es, warm ist es – nicht heiß, angenehm. Aber langsam macht sich Panik in mir breit, kein Thai konnte bisher Englisch. Nicht mal ein bisschen. Durch die Wartezone, überall blinkt es, leuchtet es, Nummer ziehen, die 30 hatte ich, Taxi suchen mit der Nummer 30. Pink war’s, schön. Mein Taxifahrer konnte leider auch kein Englisch, nicht ganz so schön. Also mit Händen und Füßen versucht zu erklären, wo ich hin muss, scheiß drauf, wird schon hinhauen. Rucksack in den Kofferraum, kurzer Drücker von Mirko: „Viel Glück!“, Herzrasen, scheiße, einsteigen, Linksverkehr, Verkehrsregeln nicht vorhanden. Gedanken wie ‚Was mach ich, wenn ich irgendwo in Bangkok rauskomme?‘, ‚Ich bin am Arsch‘, ‚Ich kann nicht mal mein ganzes Gepäck tragen, viel zu schwer‘, ‚Und genug Geld hab ich bestimmt auch nicht gewechselt‘, wechseln sich ab. Ich weiß nicht wie, aber nach 30 Minuten und 300 Baht kam ich tatsächlich unfallfrei und in einem Stück im richtigen Hotel an. Und da war sogar ein Zimmer reserviert, auf den richtigen Namen, ich konnte mein Glück kaum fassen. Ich war fix und fertig – über einen Tag unterwegs gewesen, ein Auf und Ab der Gefühle, Abfall der Anspannung, Anruf an Mama, Tränen, Stolz.

Überraschend ausgeschlafen, gut gelaunt und voller Tatendrang wache ich am nächsten Tag auf. Zum Frühstück gab’s.. oh Überraschung.. Reis. Und warmes Gemüse. Und Fleisch. Puh, bin eigentlich eher der Müslityp. Mein Plan für den Tag war dann schnell aufgestellt. Geld wechseln, was zu essen besorgen, die Auslandskoordinatoren an der Uni treffen, eine SIM-Karte kaufen, abends in die Innenstadt.

Das erste Mal bei Tageslicht raus auf die Straße – man läuft gegen eine Wand aus feuchter Hitze, sonderbarem Geruch und ungewohnter Kulisse. Autos in allen Farben und Formen fahren in alle Richtungen kreuz und quer, dazwischen Mopeds, Busse, Fahrräder beladen mit Besen, Wischern, Staubwedeln. Hupen, Bremsen quietschen, pfeifende Securities am Straßenrand Überall vor den Häusern stehen Wägen mit Essen. Gegrillter Fisch, paniertes Hähnchen, gegrillte Bananen, Gemüse, Obst. Es riecht nach Hitze, Abgasen, Essen, feuchter Luft. Bisschen eklig, gewöhnungsbedürftig, aber irgendwie riecht es nach was Besonderem. Es ist viel los, es ist laut, viele Autos, viele Menschen, wenig Platz auf den Gehwegen.

Geld zu wechseln war kein Problem. Warum sie dabei aber jedes Mal die Euro-Scheine und den Reisepass kopieren, versteh ich allerdings nicht. Etwas zu Essen aufzutreiben ist hier auch nicht besonders schwer. An jeder Ecke, alle fünf Meter stehen Wägen, Stände oder es gibt einen 7/11, der von Kuchen über Müsli, Instandnudeln und Sandwiches beinahe alles an Essen verkauft, was man sich vorstellen kann. Zu einem Campus meiner Uni hier laufe ich momentan keine 10 Minuten. Dort angekommen, am Eingang den Ausweis gezeigt, war es beinahe unmöglich das „Office of International Affairs“ zu finden. Sich durchzufragen war auch nicht drin – es war keiner da, sind ja noch Ferien, und wenn, dann kann derjenige natürlich wieder kein Englisch. Nach einem kurzen herumirren, mit riesen Augen die riesigen Gebäude anglotzen hab ich tatsächlich wieder jemanden gefunden, der aus meiner Frage und meinen Gesten einen Fetzen verstanden hat und mich zum richtigen Büro gebracht hat. Dass das dann alles so reibungslos funktioniert hat, Verständigung, Stundenplan erstellen, und so weiter, das wundert mich immer noch. Drei Tage in der Woche Uni, maximal bis 15 Uhr – ein Traum. Mittagessen gab’s dann in einem kleinen Lokal, nicht an der Straße, mein Magen ist noch zu frisch, verträgt das noch nicht, hat man mir in der Uni gesagt. Reis, Hähnchen, Gemüse, Soße, Suppe, 0,5l Wasser für 60 Baht. Wie billig hier alles ist, das ist einfach nicht zu fassen. Fast alles erledigt, die SIM-Karte hat dann noch gefehlt. Zu Beschreiben, was ich suche und brauche, das ging ordentlich in die Hose, man wird hier einfach nicht verstanden. Nach zwei Anläufen hab ich immer noch nicht die Richtige. Was soll’s.

Bangkok bei Nacht hat meine Sinne dann überreizt. So viele Menschen, so viele Autos, so viele Farben, Lichter, hohe Gebäude. So etwas hab ich noch nie gesehen, ich konnte gar nicht alle Eindrücke aufsaugen. Es ist der Hammer, wunderschön und so verrückt. Nach einem Abend dort kann ich noch gar nicht mehr sagen, das muss ich mir noch ein paar Mal ansehen, bevor ich das in lesbare Worte fassen kann.

Ich bin noch nicht lange hier, hab noch nicht besonders viel gesehen. Aber ich bin verliebt, bis über beide Ohren. Ich liebe die Häuser, das Essen, die Vielseitigkeit, den Mix aus Tradition und Moderne, der an jeder Ecke sichtbar ist. Dass es zu jedem Getränk, egal ob Flasche oder Glas Strohhalme gibt, dass es alle 100 Meter einen 7/11 gibt, der auf 30qm alles verkauft, was man braucht. Dass man hier für ein Mittagessen einen Euro zahlt, dass manche Taxifahrer tatsächlich Englisch können und sich darüber freuen, dass man aus Deutschland kommt, weil sie Audi so gern mögen. Dass die Thais nach dem Mittagessen so müde sind, dass sie beinahe im Laufen einschlafen, dass sie sich in zwei Reihen anstellen, wenn sie in die Bahn einsteigen.

Und am meisten liebe ich die Ruhe. Es liegt eine Ruhe in der Luft, die unglaublich ist.

Eine Ruhe, die es mir in den bisherigen zwei Tagen nach der Ankunft unmöglich gemacht hat, auch nur ansatzweise in Panik zu geraten, egal, was ich mache und wo ich bin. Ich fühl mich wohl hier – und das hätte ich im Leben nicht gedacht, dass ich das nach zwei Tagen aufrichtig sagen kann.

Eine Wohnung brauch ich jetzt, am Montag beginnt die Uni, Bangkok bei Nacht geb ich mir ganz sicher auch noch einige Male. Seid gespannt, ich bin’s auch.

Dicke Küsse, Nina

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