Sind sie arm weil wir reich sind?

Wer in Lateinamerika, Afrika oder Asien ein Auslandssemester oder eine Reise macht, kommt um die Frage nicht herum: warum bin ich reich und so viele Andere arm?

Als Deutscher fühlt man sich für allerlei Dinge verantwortlich: für zwei Weltkriege, den Holocaust, die Waffenexporte, die Krisen in Südeuropa… Aber ich habe mich eigentlich noch nie für die wirtschaftliche Situation ganzer Kontinente verantwortlich gefühlt. Das hat sich jetzt geändert. In Lateinamerika ist für die meisten Leute klar: „Die Europäer sind reich, weil wir arm sind.“ Für viele Europäer ist das hingegen gar nicht so klar, sie suchen die Ursachen für die Armut und Unterentwicklung in den Ländern selbst: die Korruption, die instabilen politischen Verhältnissen, mangelnde Investitionen und so weiter. Wer hat denn jetzt Schuld an der Armut?

Ich sitze im Zug auf dem Rückweg von Machu Picchu im „Peru-Rail“ nach Cusco. Der Zug ist voll mit Touristen, Peruaner sucht man hier vergebens. Wir fahren an einem kleinen Dorf vorbei. Eine bucklige Frau mit ledriger, von der Sonne gegerbter Haut und schmutziger, zerlöcherter Kleidung steht neben den Zuggleisen und winkt mit Blumen in der Hand. Sie lächelt mit den paar ihr verbleibenden Zähnen. Wie seltsam und falsch kommt mir dieser Kontrast vor, zwischen dieser Frau draußen und den reichen europäischen Touristen im Zug. Das Bild brennt sich in meinen Kopf ein. Wie kann es sein, dass Touristen aus aller Welt mit diesem Zug durch den Regenwald fahren und in einem 5-Sterne-Spa-Hotel neben Machu Picchu übernachten, während der Großteil der peruanischen Bevölkerung sich jeden Tag von Reis ernähren muss? Zwei Monate später, Puerto de Iguazu, Argentinien. Ich sitze in einer Bar und schlurfe einen Cocktail, als ein kleines Mädchen, etwa 6 Jahre alt, ohne Schuhe, mir einen Holzpapagei verkaufen will. Etwas später am Abend sehe ich sie wieder, als sie mit ihrer Familie auf der Straße indigene Musik spielt und singt. Touristenattraktion. Weitere zwei Wochen später, Sao Paulo, Brasilien. Auf den öffentlichen Plätzen haben Obdachlose sich kleine Lager aus Schaumstoffmatratzen und Sofas errichtet. Die Touristen steigen sorglos über sie hinweg.

Das sind nur ausgewählte Erlebnisse, die man zahllos ergänzen oder auch an Absurdität und Extremität übertreffen kann. Ich nehme an, dass meine Kommilitoninnen in Afrika und Asien ähnliche oder noch extremere Erfahrungen gemacht haben. Mich haben diese Momente sehr berührt und zum Nachdenken gebracht. Ich fühle mich oft schlecht, schuldig, schmutzig. Was gibt mir das Recht dazu, hier sorglos mein Geld auszugeben, in Hotels zu schlafen und in Restaurants zu essen, während Einheimische betteln müssen? Das ist doch nicht gerecht!

Die koloniale Vergangenheit

Die Beziehungen zwischen Europa und Lateinamerika sind geprägt von der kolonialen Vergangenheit. Man kann diese Gedanken natürlich auch auf andere Kontinente wie Afrika und Asien übertragen, aber ich will mich hier auf meine Erfahrungen als Europäerin in Lateinamerika beschränken. Von den Verhältnissen, die in den vergangenen Jahrhunderten geschaffen wurden, profitieren wir als Europäer bis heute. Der Kolonialismus war nicht nach dem Abzug der Kolonialmächte beendet.

Die Europäer waren es, die damit anfingen, Menschen in verschiedene Rassen einzuteilen, die mehr oder weniger wert seien. Diese Art von Rassismus herrscht bis heute vor. Die jahrhundertelange Ausbeutung der Bodenschätze und natürlichen Ressourcen in Lateinamerika trug maßgeblich zum wirtschaftlichen Aufstieg Europas bei. Auch heute profitieren wir noch davon: Kaffeebohnen aus Kolumbien für den Frühstückskaffee, Sojabohnen aus Brasilien für die Massentierhaltung, Lithium aus Bolivien für Batterien. Die Liste ist unendlich lang. Wir importieren diese Rohstoffe so billig, weil die Leute vor Ort zu Hungerlöhnen oder als Kinder arbeiten und keine soziale Absicherung haben. Deshalb können wir in Europa es uns leisten, jeden Morgen einen Bohnenkaffee zu trinken und uns jedes Jahr ein neues Smartphone zu kaufen. In Kolumbien zum Beispiel trinken die meisten Leute Tee oder Instant-Kaffee. Den Bohnen-Kaffee kann sich keiner leisten. Chile exportiert den besten Lachs und Wein in die USA und nach Europa, weil sich der Großteil der Bevölkerung solche Luxus-Güter nicht leisten kann. Auch wenn Brasilien als Aufsteiger-Land gilt, ist Kinderarbeit Normalität und die Bauern im Norden leben von ein paar Cent am Tag. Weil die meisten Länder eine sehr liberale Wirtschaftspolitik und freien Handel betreiben, sind die Märkte von ausländischen Firmen und Investoren überschwemmt und die einheimischen Industrien können sich nicht entwickeln. Davon profitieren wiederum europäischen Firmen und Banken.

Wir Europäer als „Überlegene“

Bis heute herrscht vor, Europa als Maßstab für „Entwicklung“ zu sehen, während andere Länder als abwertend als „unterentwickelt“ gelten. Sie hätten sich vielleicht ganz anders entwickelt, wenn nicht ganze indigene Bevölkerungsgruppen von den Kolonialmächten ausgelöscht und ihnen europäische Wissenssysteme aufgezwungen worden wären. Es ist natürlich einfach, die ungleichen wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse damit zu erklären, dass die Länder in Lateinamerika einfach „noch nicht so weit entwickelt“ seien. Die armen. Damit ziehen wir uns selbst aus der Affäre und legitimeren gleichzeitig die Ungleichheit als gegebene Tatsache.

Wir sind als Europäer unglaublich privilegiert, sehen das aber gar nicht als etwas Besonderes an. Wir sehen es als ganz normal an, zu reisen, zu konsumieren und beschweren uns dann auch noch, wenn wir von einem brasilianischen Taxifahrer abgezockt werden. Die koloniale Sichtweise scheint sich kulturell bei uns eingeprägt haben. Wir als Europäer machen Freiwilligendienste in armen Ländern, um ihnen bei der „Entwicklung“ zu helfen. Wir sehen uns ganz unbewusst immer noch in der Rolle der Kolonialherren, die dem Rest der Welt zeigen müssen, wie man es richtig macht. In Fotos wird das sehr deutlich. Wer hat noch kein Foto bei Facebook gesehen, wo ein blonder, hellhäutiger Europäer inmitten von armen, afrikanischen Kindern oder lateinamerikanischen Indigenen steht und strahlend in die Kamera lächelt. „Ich als Retter der Armen und Unterentwickelten, schaut mich an“, schreit es aus dem Foto. Das muss man mal mit einem Foto aus dem 19. Jahrhundert im Geschichtsbuch vergleichen, wo die Kolonialherren sich mit den „unzivilisierten Völkern“ haben ablichten lassen. Der Unterschied ist nicht sehr groß.

Wir fühlen uns grundsätzlich überlegen und blenden dabei die ganze Vorgeschichte der aktuellen Lage aus. Die Straßen hier sind dreckig, die Leute arbeiten zu langsam, der Verkehr ist chaotisch, die Regierungen sind korrupt, höre ich ständig. Und überhaupt sind immer die Anderen Schuld. In Deutschland, ja in Deutschland da funktioniert alles viel besser. Sollen die sich mal ein Beispiel dran nehmen! Ich will mich selber gar nicht als Ausnahme bezeichnen. Erst vor ein paar Tagen habe ich eine Diskussion ausgelöst, weil ich mich beschwert habe, dass in Chile alle ihre Wäsche mit kaltem Wasser waschen und nichts richtig sauber wird. Aber hier wird nun einmal mit Gas geheizt und Gas ist teuer.

Nachdenken und Verantwortung übernehmen

Wichtig ist es meiner Meinung nach, sein eigenes Verhalten und seine Gedanken in zu reflektieren, auch wenn das schmerzhaft sein und Schuldgefühle auslösen kann. Nicht alles als schlecht, arm und unterentwickelt darzustellen, wenn man mit Freunden und Familie spricht und wenn man Beiträge auf einem Blog veröffentlicht. Nachzudenken, bevor man ein Foto macht. Nicht alles als selbstverständlich hinzunehmen, sondern Zusammenhänge herzustellen und die eigenen Privilegien zu hinterfragen. Nicht herablassend auf andere Menschen zu blicken, sondern sie auf einer Ebene zu betrachten. Das eröffnet die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und die Verhältnisse nicht einfach zu akzeptieren, sondern zu verändern.

Für weitere Informationen zu diesem Thema empfehle ich diese Broschüre:

Mit kolonialen Grüßen … – glokal eV

Und das Buch „Die offenen Adern Lateinamerikas“ von Eduardo Galeano

Von Sophia Boddenberg

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