Ruanda – Das Land ohne Plastiktüten

500 Shilling. Dafür kann ich locker zu Mittag essen. Casava, Samosa oder Chapati: All das bekommt man für 500 Shilling – oder eine braune Papiertüte. So eine, wie man sie aus alten Filmen kennt. In meinem Kopf passt sie perfekt in die Welt der Kinder aus Bullerbü.

Etwas bedröppelt starre ich auf meine Wanderschuhe. An ihnen hängen kleine Dreckbällchen, sie tragen Schlieren und erzählen vom schlechten Wetter in Uganda. Aber kein Problem: Ich packe sie in eine Plastiktüte und dann in den Rucksack.

Den Plan findet der Grenzbeamte nicht so gut. Ich stehe am Grenzübergang zu Ruanda, der Nebel hängt tief, die kalte Luft brennt ein bisschen beim Atmen und von den schlechten Straßen schmerzt jeder Teil meines Körpers. Ich bin müde, es ist zu früh und ich habe keine Lust zu diskutieren. Bringt eh nix: Plastiktüten sind in Ruanda verboten, ich soll sie abgeben und meine Schuhe in eine Papiertüte stecken. Wird schon halten, denke ich. Dann sind wir zurück im Bus, unsere Plätze sind mittlerweile besetzt. Die letzte Reihe will nie jemand, sie ist noch frei. Das hat einen Grund: Man spürt jedes Schlagloch und jeden Stein über den der Bus holpert noch intensiver. An Schlaf ist kaum zu denken, ich versuche es trotzdem. Döse etwas vor mich hin.

Dann Ankunft in Kigali. Schon hier merkt man etwas von der Struktur, von der alle erzählen, wenn es um Ruanda geht. Der Taxipark (Busbahnhof) ist nicht annähernd mit dem Old Taxi Park in Kampala vergleichbar. Klar, hier ist er kleiner. Das auch, aber nicht nur: Die Busse stehen nicht kreuz und quer, es gibt anscheinend Regeln, wo der Busfahrer parken darf und wo nicht. Gepäckträger scharren sich um die Busse, tragen alle einen grünen Overall. Überhaupt scheinen die Ruander Uniformen zu mögen. Sogar die Bodafahrer haben hier alle eine Weste an, Erkennungsnummer inklusive.

Zwischen Kigali und mir gibt es keine Chemie. Ja, es ist schön, der Ausblick auf die Hügel außenrum ist traumhaft. Aber es ist so leise. So organisiert. Die Stadt hat nichts lebhaftes, wenn man Kampala gewohnt ist. Wir verbringen zwei Stunden damit, das City Center zu suchen, werden in unterschiedliche Richtungen geschickt und irren minutenlang umher ohne jemanden zu treffen. Als wir es finden, finden wir auch ein Café – mit echtem (bezahlbarem) Kaffee und Salat! Kigali und ich versöhnen uns ein bisschen, beides bekomme ich in Kampala eher nicht.

View Kigali

Am nächsten Tag besuchen wir die Genozidgedenkstätte in Kigali. Die Ausstellung ist sehr gut, sie schockiert und fesselt gleichermaßen. Nach dem Rundgang verdaue ich das Gesehene im Garten. In einem Teil sind kleine Brunnen, Figuren stehen drum herum und die Pflanzen wildern vor sich hin.

Dann geht unser Abenteuer weiter. Wir verlassen die Stadt früh morgens, es geht in die Natur. Nyungwe National Park heißt unser Ziel. Dem Busfahrer sagen wir, wo wir hin wollen. Er stoppt im Nirgendwo mitten auf der Straße. Etwas verdutzt steigen wir aus, stolpern vom langen Sitzen vorwärts. Und dann stehen wir oben auf dem Hügel, unter uns breiten sich Wald und Teeplantagen aus, der Ausblick ist atemberaubend. Etwas unterhalb liegt auch das Guesthouse, in dem wir bleiben. Das ist wirklich schön, alle Häuser heißen nach Affenarten, unseres Owl-faced Monkey House. Ich bin begeistert, das klingt niedlich. Ein kurzes googlen bringt Ernüchterung: So süß wie ihr Name klingt, sehen die Affen nicht aus.

Ausblick

Aber immerhin soll es hier 13 Affenarten geben, erklärt uns unser Guide. Ohne Guide darf man gar nicht in den Nationalpark. Wir haben eine sechsstündige Wanderung gebucht, laufen davon aber nur vier. Affen sehen wir auch keine. Ein bisschen enttäuscht bin ich schon, anscheinend möchte Afrika nicht, dass ich hier Tiere sehe. Die Natur entschädigt aber. Wir laufen durch Teeplantagen, kämpfen uns durchs Dickicht des Waldes und wandeln auf kleinen Pfaden, die aussehen wie bei Alice im Wunderland. Man erwartet fast den Hasen mit seiner tickenden Uhr hinter der nächsten Ecke zu treffen – aber wie gesagt, mein Glück hier Tiere zu sehen, hält sich in Grenzen.

Am nächsten Morgen geht es wieder in den Bus und an den Lake Kivu. Der ist ungefähr das Schönste, das ich bisher in Afrika gesehen habe. Die für Ruanda typischen Hügel grenzen ihn ein, er liegt im Tal und das Wasser glitzert in der Sonne. Es gibt ein Bootstaxi, dass die Einheimischen von einer auf die andere Seite fährt. Der Fahrer ist nett und mit einem Mix aus Englisch, Französisch, Swahili und Zeichensprache machen wir mit ihm aus, dass er uns etwas über den See schippert. Vom Wasser aus bestaunen wir die langsam untergehende Sonne bevor wir uns auf den Weg ins Hostel machen. Unser Hostel thront hoch oben auf einer Klippe über dem See. Nahezu rundum hat man Seeblick. Spätestens hier am Lake Kivu verliebe ich mich Hals über Kopf in Ruanda.

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Am nächsten Morgen gehen wir noch vor dem Frühstück los und wandern in die andere Richtung. Hier sehen wir kein Ende des Sees, man könnte denken, man ist am Meer. Ein bisschen traurig bin ich schon, dass wir schon wieder weiter müssen – aber die Vulkane im Norden will ich unbedingt noch sehen.

Leider macht uns auch hier die Zeit und das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Wir kommen Freitagnachmittag in Ruhengeri an, Samstag um 16 Uhr geht schon unser Nachtbus zurück nach Kampala. Kein Problem, denken wir. Wir hatten gelesen, dass man den kleinsten Vulkan in zwei Stunden besteigen kann. Die Frauen der Organisation erklären uns aber, dass man mindestens sechs Stunden für alle Touren braucht, eher länger bei dem Regen zur Zeit.

Also suchen wir uns drei Bodas und machen uns auf den Weg zu den Twin Lakes. Früher war das mal ein See, der dann durch einen Vulkanausbruch geteilt wurde. Es ist schön dort, man sieht die Vulkane in der Ferne, die Wolken hängen tief und verdecken die Spitzen. Trotzdem können die Seen mit dem Lake Kivu nicht mithalten. Auch hier gibt es ein kleines Boot, das einem zu einer kleinen Halbinsel bringt. Dort ist ein Hotel, wir spazieren etwas durch den sehr schön angelegten Garten und genießen den Ausblick auf die Vulkane, der von hier wirklich sehr gut ist. Dann geht es mit dem Boda auch schon wieder zurück nach Ruhengeri.

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In Ruanda müssen neben den Fahrern auch alle Passagiere einen Helm tragen. Und mehr als eine Person pro Boda geht hier auch nicht. In Uganda ist das zwar eigentlich auch verboten, allerdings wird das dort nicht so streng gesehen und man sieht teilweise Leute, die sich zu dritt auf ein Boda quetschen. Genau als wir zurück in der Stadt sind, fängt es an zu schütten. So ist es hier immer (egal ob Uganda oder Ruanda): Regnet es, dann aber auch gescheit.

Eigentlich hätten wir mehr Zeit gebraucht in Ruanda. Mindestens zwei Tage: einen Tag mehr am Lake Kivu und einen Tag mehr bei den Vulkanen. Es war trotzdem sehr schön und ich werde definitiv wieder kommen. Kein Wunder, dass Ruanda bei vielen als „Geheimtipp“ Afrikas bekannt ist. So wenig mir die Hauptstadt gefallen hat, umso mehr haben mir die Landschaften gefallen. Und würde ich von Anfang an in Kigali leben, fände ich Kampala vermutlich ganz grässlich. Aber so bin ich auch ein kleines bisschen froh, wieder in „meine“ Stadt zurückkehren zu können – mit all ihrem Chaos, Lärm und Leben.

Von Anne Fleischmann

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