Die Entscheidung, zu bleiben

Eigentlich wollte ich nur ein Semester in Valparaíso in Chile studieren. Aber die Stadt und das Land haben mich so gefesselt, dass ich beschlossen habe, ein ganzes Jahr zu bleiben. Wie es dazu gekommen ist:

Es ist mein letzter Tag in Valparaíso. Es ist der Tag nach meiner Abschiedsparty, die gleichzeitig meine Geburtstagsparty war. Ich fühle mich noch leicht verkatert. Ich habe mich gerade endgültig von meinen Freundinnen verabschiedet, die sich auf nach Patagonien gemacht haben. Die werde ich so schnell nicht mehr wiedersehen. Ich habe ein seltsames Gefühl im Bauch, als wäre da ein Loch. Ich kaufe mir erst einmal eine Packung Zigaretten und eine Tafel Schokolade, vielleicht kann die ja das Loch stopfen. Ich setze mich auf eine Bank auf der Aussichtsplattform am oberen Ende der Treppe „El Peral“, meiner Treppe. Es ist meine Treppe, weil das Haus, in dem ich wohne, direkt neben der Treppe ist und ich sie in den letzten Monaten gefühlte tausend Mal hoch und runter gelaufen bin. Es gibt hier viele Treppen, denn Valparaíso besteht aus Hügeln. Oder wenn man keine Lust hat die Treppe oder den Hügel hoch zu laufen, nimmt man einen „Ascensor“, einen alten klappernden Aufzug, der den Hügel hochfährt. Von hier oben aus kann ich über den Hafen von Valparaíso blicken mit seinen vielen bunten Containern, über die Cerros (die Hügel) mit den bemalten Häusern, die in die Hänge gebaut sind und ich blicke über das weite, strahlend blaue Meer. Es ist ein schöner, sonniger Tag Ende November, aber ich kann mich weder am Wetter noch am Ausblick sonderlich erfreuen. Es macht mich eher traurig. Ich bin wirklich richtig, richtig traurig. Die Schokolade hat leider überhaupt nicht geholfen. Ich habe so ein komisches Gefühl, als würde mir jemand das Herz einschnüren. So habe ich mich wirklich schon lange nicht mehr gefühlt. Noch nicht einmal, als ich Eichstätt verlassen habe. An der Stadt hier hängen so viele Erinnerungen an Menschen, die mich inspiriert und geprägt haben; an lange Nächte in Bars und Live-Musik und endlosen Diskussionen über die Lage der Welt. Ich zünde mir eine Zigarette an. Das Gefühl geht nicht weg. Es kann doch jetzt nicht schon vorbei sein, denke ich. Es hat doch gerade erst richtig angefangen. Ich kann mich endlich fließend auf Spanisch auch über komplexe Themen unterhalten. Ich habe enge Freundschaften geschlossen zu anderen Austauschstudenten, aber auch zu Chilenen. Ich wohne in einem Haus, das zwar leicht renovierungsbedürftig ist, aber das ich sehr liebe. In unserem Garten steht ein Avocadobaum. Gibt es etwas Besseres, als morgens zum Frühstück ein frisch getoastetes Brot mit Avocado vom eigenen Baum zu essen? Und ich kann auf mein Dach klettern, von wo man die ganze Stadt überblickt. Wie oft ich da gesessen habe mit Freunden oder alleine zum Nachdenken. Ich habe zwei unersetzbare Mitbewohner. Ich habe einen Alltag, ich gehe in die Uni, zum Sport, treffe mich mit Freunden, gehe ins Theater, zu Konzerten, habe meine Stammkneipen. In Valparaíso gibt es immer etwas Neues zu entdecken, es ist nie langweilig. Ich bin jetzt einfach richtig angekommen. Und habe mir das alles selber aufgebaut. Und das war verdammt nochmal nicht einfach. Ich erinnere mich noch sehr gut an die ersten Wochen, in denen ich mich mit Händen und Füßen verständigen musste und die Konversationen meistens nach 3 Sätzen beendet waren, weil ich einfach nicht mehr auf Spanisch sagen konnte. Aber ich habe mich durchgekämpft; Bücher gelesen, Filme geschaut, geredet und gefragt, auch wenn ich viele Fehler gemacht habe. Es war nicht einfach, aber es hat sich gelohnt. Aber mir jetzt vorzustellen, das alles wegzuwerfen, aufzugeben, jetzt wo es gerade anfängt richtig gut zu werden, tut weh. Ich zünde mir noch eine Zigarette an. Ich fange an, in meinem Kopf die Alternativen durchzuspielen. Was wäre, wenn ich einfach hierbliebe. Eigentlich ist alles schon geplant: die Reise im Dezember, der Rückflug Anfang Januar und anschließend sechs Monate Praktika. Danach Bachelorarbeit. Aber die Vorstellung, in Deutschland anzukommen und sofort in ein unbezahltes 5-Tage-die-Woche-Praktikum einzusteigen in einer Redaktion, in der ich wahrscheinlich nicht sehr gefordert werde, in einer Stadt, in der ich niemanden kenne, fühlt sich gerade einfach falsch an. Ich könnte ja einfach hier bleiben und die Bachelorarbeit hier in Chile schreiben und alle Praktika in Deutschland absagen. Das wäre ziemlich unvernünftig. Ich stehe also zwischen Vernunft und Gefühlen. Der übliche Konflikt. Wenn ich erst wieder in Deutschland bin, komme ich so schnell bestimmt nicht mehr wieder. Man kennt das ja: Job, Uni, Beziehung. Und es gibt noch so viel zu entdecken, in Chile und generell in Lateinamerika. Ich habe das Gefühl, gerade erst an der Oberfläche gekratzt zu haben. Ich will noch mehr sehen, noch mehr Menschen kennenlernen, noch mehr verstehen von der Kultur und vom Land. Tiefer eintauchen in diese Welt. Viele Leute kommen hierher und bleiben Beobachter. Sie beobachten die Leute und das Land und sagen: „In Deutschland funktioniert das aber ganz anders.“ Es bleibt immer der Vergleich. Aber ich glaube, dass ich diesen Schritt schon hinter mir habe. Ich vergleiche nicht mehr, ich beobachte nicht mehr als Außenstehende, sondern ich lebe hier. Ich würde mich gerne beruflich gesehen auf Lateinamerika spezialisieren. Da schadet es doch sicher nicht, noch länger hierzubleiben, oder? Ein Punkt für die Vernunft. Das Leben hier hat mich einfach gefesselt. Ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt. In Deutschland war mein Leben immer eher so ein Vor-sich-hin-Leben. Hier genieße ich einfach jeden Moment. Die Musik, die Natur, die Stimmung, die Freundschaften, alles ist so intensiv. Und die Prioritätensetzung der Menschen ist eine ganz andere. Hier ist die erste Frage in einem Gespräch nicht „und wie viel Geld wirst du mal in deinem Job verdienen?“, sondern „welche Musik gefällt dir?“. Die jungen Leute sind fast alle leidenschaftlich engagiert, kritisieren die politischen Verhältnisse, wollen etwas verändern. Es herrscht eine Atmosphäre des Aufbruchs. Deutschland ist für mich zurzeit eher Stillstand. Zumindest politisch gesehen. Ich weiß, irgendwann muss ich wieder zurückkehren. Aber jetzt gerade kann ich einfach noch nicht loslassen. Ich zertrete den Zigarettenstummel auf dem Boden und steige die Treppe hinab.

Mein Haus

Mein Haus

Valparaíso

Valparaíso

Valparaíso

Valparaíso

Valparaíso

Valparaíso

Von Sophia Boddenberg

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