Der Sur Chico – ein Paradies für Naturliebhaber

Nachdem ich im „Norte Chico“ war, wollte ich natülich auch in den „Sur Chico“ von Chile reisen, den „kleinen Süden“. Diese Region besteht aus strahlend blauen Seen, Bergen und grünen Wäldern. Die Kultur ist geprägt von deutschen Einwanderern.

Einfach mal Ruhe haben, einen Ort zum Reflektieren, in den Bergen wandern gehen, keine Menschen sehen – danach sehne ich mich kurz vor Semesterende. Also fasse ich spontan den Beschluss, eine Reise in den chilenischen Süden zu unternehmen und muss zugegebenermaßen dafür ein paar Kurse schwänzen. Aber es soll sich lohnen. Es ist das erste Mal, dass ich alleine losziehe und ich bekomme von allen Seiten skeptische Kommentare: „du fährst da ALLEINE hin?“. Aber ich genieße es wahrlich.

Das Ziel für Abenteuertouristen, aber nicht für mich : Pucón

Nach einer nächtlichen Busfahrt von circa neun Stunden komme ich morgens in Pucón an. Eigentlich will ich gleich weiterfahren in den Nationalpark Huerquehe, aber mich erwartet schon das erste Hindernis. Im wenig besiedelten Süden fahren die Busse nämlich nicht so häufig wie in der Stadt und es gibt genau 3 Busse täglich, die in den Nationalpark fahren. Da der erste vor einer Viertelstunde abgefahren ist muss ich biss mittags warten. Ich gebe also meinen Rucksack am Busbahnhof ab und mache einen kleinen Spaziergang durch Pucón. Die Hauptstraße besteht eigentlich nur aus Touristenbüros und Outdoor-Bekleidungsläden. Pucón ist ein rein touristischer Ort vor allem für Leute, die Abenteuer mögen. Die Hauptattraktion ist der Vulkan Villarica, den man jedoch nur in geführten Touren für viel Geld besteigen kann. Oft kommt man sogar gar nicht bis zum Gipfel, wenn Schnee und Wind zu stark sind. Es sind auch schon ein paar Touristen abgestürzt und gestorben. Es gibt außerdem haufenweise Angebote zum Rafting, Kajakfahren, Klettern und Mountainbiken. Ich bin ganz froh, dass ich nur den Vormittag in Pucón verbringe, denn ich bin ja eigenlich auf der Suche nach Ruhe und nicht nach Abenteuersport. Heute ist es kalt und es weht ein eisiger Wind. Ich laufe zum See Villarica und an vielen Restaurants vorbei mit Schildern, auf denen steht „comida alemana“ oder „Biergarten“. Deutsche Bauern- und Handwerkerfamilien kamen im 19. Jahrundert nach Chile, die nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 das Land verlassen wollten. Sie bekamen von der chilenischen Regierung die Überfahrt bezahlt, Steuerfreiheit und einige Hektar Land. Die Regierung versprach sich davon, die bis dahin wenig besiedelte Region im Süden zu beleben. Und das Klima dort ist dem deutschen recht ähnlich. Die Geschichte der deutschen Einwanderung in Chile ist ziemlich spannend, aber wahrscheinlich einen eigenen Artikel wert.

Deutsches Restaurant in Pucón

Deutsches Restaurant in Pucón

Beeindruckende Natur und meditative Stille im Nationalpark Huerquehue

Ich nehme also endlich den Bus in den Nationalpark. Viele Touristen kommen nur für den Tag hierher, aber ich habe ein sogenanntes „Refugio“ reserviert, eine Unterkunft innerhalb des Parks. Es gibt außerdem reichlich Campingplätze, aber zum Campen ist es in dieser Jahreszeit noch ziemlich kalt. Bis zum Refugio muss ich 2 Kilometer laufen. Die Atmosphäre im Park fesselt mich sofort; ich laufe entlang eines tiefblauen Sees und bin umgeben von dunkelgrünen Wäldern und Bergen mit schneebedeckten Spitzen. Als ich bei der Unterkunft ankomme, erwartet mich schon Patricio. Patricio Lanfranco ist ein selbstständiger und unabhängiger chilenischer Dokumentarfilmer und hat unter anderem mit dem Monty Python Star Michael Palin an der Serie „Full Circle“ gearbeitet, einer Art Reise-Dokumentarfilm-Reihe. Patricio ist mittlerweile über 50 (ganz genau weiß ich es nicht) und hat sich hier im Nationalpark ein Haus gebaut (oder eher bauen lassen), zweistöckig und komplett aus Holz. Er kocht und backt selber und es gibt Kaffee aus der Kaffepresse, was in Chile keine Selbstverständlichkeit ist. Er lebt hier, „weil es der schönste Ort der Welt ist“. Und er weiß wovon er spricht, denn er hat viel von der Welt gesehen. Ich mache mich also auf zu meiner ersten Wanderung. Es gibt mehrerer Wanderwege im Park, einer ist aufgrund des Schneefalls gesperrt. Je höher ich aufsteige, desto mehr Schnee fällt. Ganz oben angekommen kann ich noch nicht einmal mehr den Wanderweg erkennen und verlaufe mich. Alles ist weiß und irgendwann sehen alle Bäume gleich aus. Ich male mir schon panisch aus, wie ich nicht mehr zurückfinde, erfriere und niemals gefunden werde. Aber ich laufe schließlich anstatt des Rundwegs den Weg wieder zurück, den ich hochgekommen bin. Nach diesem vierstündigen Abenteuer erwartet mich eine heiße Dusche und selbstgekochtes Essen von Patricio. Außer mir ist noch ein britisches Pärchen in der Unterkunft. Patricio spricht perfektes Englisch und erzählt beim Abendessen von seinen Abenteuern als Dokumentarfilmer. Die nächsten Tage verbringe ich mit Wandern zu den Seen und Bergen und Lesen vor dem Kachelofen. Außerdem gibt es eine Sauna mitten im Wald, die ich mir natürlich nicht entgehen lasse. Die Tage im Park sind für mich wie im Traum. Am liebsten würde ich noch länger bleiben, aber ich habe noch Einiges vor.

Nationalpark Huerquehue

Nationalpark Huerquehue

Eingeschneiter Wanderpfad im Nationalpark Huerquehue

Eingeschneiter Wanderpfad im Nationalpark Huerquehue

Refugio Tinquilco

Refugio Tinquilco

Thermalquellen im Wald

Mein nächster Stopp ist das kleine Dorf Coñaripe am Ufer des Sees Calafquén. Der See hat einen schwarzen Sandstrand und bietet eine märchenhafte Kulisse beim Sonnenuntergang. Von hier aus fahre ich zu den Termas Geométricas, natürliche heiße Thermalquellen mitten im Wald. Umgeben von unzähligen Pärchen werde ich hier etwas seltsam angeschaut, weil ich alleine bin, aber das stört mich reichlich wenig. Der Süden Chiles ist bekannt für seine zahlreichen natürlich Thermalquellen.

Sonnenuntergang am Lago Calafquén in Coñaripe

Sonnenuntergang am Lago Calafquén in Coñaripe

Termas Geométricas

Termas Geométricas

Familienausflug im malerischen Puerto Varas

Von hier aus geht es weiter nach Puerto Varas, das am Süden des Sees Llanquihue liegt. Die zwei schneebedeckten Vulkane Osorno und Calbuco wachen über der Stadt. Puerto Varas ist der perfekte Ausgangspunkt zum Bergsteigen, Wandern, Wassersport und Skifahren. Im Moment sind aber nur die harten Bergsteiger vor Ort, da es noch ziemlich kalt ist. Ich verbringe hier die Zeit mit Freunden meines Mitbewohners, einem chilenischen Pärchen Mitte Vierzig, die zwei kleine Töchter haben. Die beiden Töchter besuchen das „Colegio Alemán“, eine deutsche Schule, da sie eine der besten im Ort ist. Jeden Tag haben sie Deutschunterricht und beeindrucken mich gleich mit zahlreichen Obstvokabeln. Die Eltern erzählen mir, dass die deutschen Schulen in Chile zwar durchaus zu den teuersten zählen, aber im Gegensatz zu anderen Privatschulen keinen Profit machen, sondern das Geld in die Ausrüstung und Ausstattung stecken. Die Schule in Puerto Varas hat zum Beispiel ein eigenes Schwimmbad. Mit der Familie mache ich einen Ausflug in den Nationalpark Vicente Pérez Rosales zu den „Saltos de Petrohué“, Wasserfälle und Stromschnellen am Fuße des Vulkans. Was man vor allem sieht, sind Massen an Wasser und ich mache mir Gedanken über die gewaltige Kraft von Wasser. Einen Tag später mache ich noch einen kleinen Ausflug nach Frutillar, das am Norden des Sees liegt und aus lauter kleinen deutschen Fachwerkhäusern besteht, Hotels mit dem Namen „Frau Holle“ und Restaurants, die Apfelstrudel verkaufen. Ganz schön seltsam für mich. Das Highlight in Frutillar ist das Theater, das in den See hineingebaut ist. Zum Mittagessen gehe ich in ein kleines Restaurant und werde von Familien und Pärchen mal wieder gemustert. Wenn man als junge, nicht unattraktive Frau alleine essen geht, denken die Leute um einen herum irgendwie, man sei verrückt. Dabei kann es total schön sein, alleine essen zu gehen.

Vulkan Osorno

Vulkan Osorno

Los Saltos de Petrohué

Los Saltos de Petrohué

Los Saltos de Petrohué

Los Saltos de Petrohué

Die sagenumwobene Insel Chiloé

Ich sage gleich von vorneherein, dass ich zu wenig Zeit auf Chiloé verbracht habe, da man sich Wochen auf der Insel aufhalten kann. Aber ich musste nun einmal zurück zur Uni und hatte nur noch zwei Tage Zeit. Chiloé ist nach der Osterinsel die zweitgrößte Insel in Chile und die Einheimischen, die „Chiloten“, sind ein ganz eigenes Volk, von denen Einige sogar die Unabhängigkeit fordern. Ich übernachte in Ancud, der nördlichsten Stadt der Insel, in einem schnuckeligen kleinen Hostel mit Meerblick. Die Sonnenuntergänge sind unfassbar schön. Die ganze Insel ist in rosarotes Licht gehüllt und der Himmel spiegelt sich im Wasser. Da ich wenig Zeit habe und die Busse auf der Insel eher unregelmäßig oder gar nicht fahren, lasse ich mich von Raul, einem Bekannten des Hostels, in seinem Auto ein wenig herumfahren. Wir fahren zum Monumento Natural Islotes de Piñihuil, wo man auf einer kleinen Bootsfahrt Magellan-Pinguine beobachten kann. Danach geht es in zahlreiche kleine Fischerdörfer und zu zauberhaften, menschenleeren Stränden. Da wir uns in der Nebensaison befinden und es noch recht kalt ist, sind kaum Touristen vor Ort. An einem Strand treffen wir eine einheimische Mutter mit Tochter, die Muscheln für das Abendessen sammeln. „Das machen hier alle so“, sagt Raul. Sie haben außerdem einen Esel dabei. Raul ist ein echter „Chilote“ und es ist erst das zweite Mal, dass er einen Touristen herumführt. Vorher hat er beim lokalen Radiosender gearbeitet. Außerdem gibt er Musikunterricht und hat eine Band. Er erzählt mir von seinem ruhigen Leben auf Chiloé, von seinem besten Freund, der kürzlich ein Krebs erkrankt ist, von seiner Arbeit beim Radio und von den Sagen und Mythen der Insel. Davon gibt es zahlreiche. Einige sind ziemlich seltsam. Zum Beispiel die Sage vom „Trauco“, einem hässlichen, missgestalteten Zwerg mit Axt, der Jungfrauen entführt und schwängert, Vater aller unehelichen Kinder auf Chiloé. Raul schwört mir außerdem, dass sein Bruder schon einmal ein Geisterschiff im Himmel gesehen hat.

Sonnenuntergang auf Chiloé

Sonnenuntergang auf Chiloé

Chiloé

Chiloé

Chiloé

Chiloé

Magellan-Pinguine auf Chiloé

Magellan-Pinguine auf Chiloé

Fischerboote auf Chiloé

Fischerboote auf Chiloé

Mutter und Tochter beim Muscheln-Sammeln

Mutter und Tochter beim Muscheln-Sammeln

Obwohl leider zu kurz, war meine Reisen in den kleinen Süden – wie bisher alle meine Reisen in Chile – ein Traum.

Von Sophia Boddenberg

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