Fasten your seatbelts, please!

Ich habe Angst vor Spinnen, ich habe Angst in den falschen Bus einzusteigen, Angst dass meine Haare schrecklich aussehen und es mir den ganzen Tag keiner sagt. Aber am meisten habe ich Angst vorm Fliegen. Ich konnte mich also entscheiden, ob ich mit Leo zusammen in der Schweiz studiere oder ob ich mich zusammenreiße und verdammt nochmal fliege. Ich bin geflogen. Zum ersten Mal alleine. Hier mein völlig authentischer, nicht übertriebener Reisebericht.

Von Elisabeth Heiß (Irland) 

München – Dublin, 14. September 2014

9:30 Uhr l Einchecken am Flughafen in München. Zwei Koffer, zehn Kilo Handgepäck. „Tut mir Leid, sie haben Übergepäck“, sagt die nette Dame am Schalter. „Zwölf Kilo.“ Meine Schuhe? Den Kaffeebecher aus Keramik? Ich kann unmöglich etwas hier lassen! Die nette Dame ist nicht so verständnisvoll. Meine Reise nach Irland beginnt mit 120 Euro Übergepäckskosten weniger.

10:05 Uhr l Mein Flugzeug hätte um 11:25 Uhr abheben sollen. Meine Familie ist schon verabschiedet und ich sitze das erste Mal alleine in der riesigen Wartehalle. Ich will nicht fliegen. Eine Durchsage: Der Flug nach Dublin hat weitere Verspätung. Mein Ruhepuls liegt inzwischen geschätzt bei 220. Alle zwei Minuten schleppe ich mein Zehn-Kilo-Handgepäck vor den Bildschirm um nach meinem Gate zu sehen.

13:10 Uhr l Boarding. Natürlich sitze ich zwischen einem schwäbischen Ehepaar und einer italienischen Schulklasse. Wo auch sonst.

13:25 Uhr l Abflug. Das Flugzeug rollt an und wird schneller, meine Hände verkrampfen sich in die Armlehnen, ich blicke starr auf das Schild vor mir – Fasten your seatbelts – während die italienische Schulklasse – ohne Witz – anfängt, zweistimmig Ave Maria zu singen.

13:45 Uhr l Die Flugbegleiterinnen zeigen, wie man sich im Notfall verhalten muss. Ich bin die Einzige, die wie gebannt zuhört. Halte mich zurück, die gezeigte Notfallposition – Kopf auf den Schoß pressen, Arme über dem Genick verschränken – zu üben.

14:15 Uhr l WAR DA ETWA EIN RUCKELN OBWOHL DER HIMMEL WOLKENLOS IST?

14:30 Uhr l Das Ehepaar neben mir ist aus Schwaben. Natürlich. „Woisch wie viel Uhrs isch in Dablin?“ „Ja, …“ „Noi, deschglaabi net“ Ich könnte sagen, Entschuldigen Sie, es ist eine Stunde früher als in München. Aber dann müsste ich es irgendwie schaffen, meine Kiefer auseinander zu bekommen.

15:03 Uhr l Hey, so schlimm ist Fliegen ja gar nicht. Das macht ja sogar Spaß! Verdammt, ist das Feuer an den Tragflächen???

15:40 Uhr l Landeanflug. Da geht doch immer am meisten was schief. Jeden Meter den wir jetzt schon unten sind, fällst du nicht mehr. Jeden Meter den wir jetzt schon weiter unten sind, fällst du nicht mehr. Jeden Meter….

16:10 Uhr l Okay, da kommen die Koffer. Wo ist meiner? Bestimmt ist meiner der Einzige, der in Deutschland vergessen wurde. Verdammt, ich wusste es. Hört man ja immer wieder, dass sowas passiert. Typisch. Alle anderen Koffer sind sicher da. Wieso passiert das ausgerechnet mir? Und wo muss ich jetzt hin? Es gibt doch immer so eine Suchstelle?

16:13 Uhr l Alle meine Koffer sind da. Wahrscheinlich habe ich jetzt auf der Busfahrt zur Uni einen Autounfall.

Dublin – München, 14. Dezember 2014

15:30 Uhr l Vorsichtshalber haben wir mal 65 Kilo an Gepäck gebucht, plus Handgepäck.

16:01 Uhr l Okay, du musst jetzt noch einmal fliegen. Aber das ist okay. Reiß dich zusammen, jetzt geht es nach Hause. In nicht mal drei Stunden sitzt du schon im Auto nach Hause.

16:02 Uhr l Nein, es ist nicht okay. Gar nicht okay. Ich will hierbleiben. Kann ich nicht mit dem Schiff fahren? Ein Semester dranhängen? Nach Irland ziehen?

16:25 Uhr l At first I was afraid, I was petrified – Kept thinkin‘ I could never live without you by my side – But then I spent so many nights thinking how you did me wrong – And I grew strong – And I learned how to get along – I WILL SURVIIIIIIIVE! Alles eine Sache der Einstellung. Danke, Gloria Gaynor.

16:31 Uhr l Vorne im Flugzeug weint und schreit ein Baby herzzerreißend. Wenn es wüsste dass es mir genauso geht.

16:46 Uhr l Das Lämpchen mit den Anschnall-Zeichen leuchtet auf. Okay, anscheinend bin ich diejenige, die andere Menschen böse anstarrt, wenn sie sich nicht innerhalb von fünf Sekunden setzen und ihren Gurt fest schnallen. Fasten your seatbelts!!

17 Uhr l Mir wird vom Lesen schlecht. Ich kriege Angst, wenn ich nicht lese. Mir wird schlecht, wenn ich versuche zu schlafen. Ich kriege Angst, wenn ich die Augen öffne. Merke: Wenn niemand komisch im Flugzeug ist, und es keine italienische Schulklasse oder ein schwäbisches Ehepaar gibt, dann bist du die Komische.

17:12 Uhr l Meine Angst ist weg. Mir ist einfach nur langweilig. Sind wir schon daaa? Wie lange noooch?

17:21 Uhr l Durchsage: Bitte schnallen Sie sich an, es gibt Turbulenzen. ICH WUSSTE ES!!

17:35 Uhr l Von den Turbulenzen bekommt man zum Glück wenig mit. Ein bisschen ruckelt und wackelt alles, aber ich vermeide einfach, aus dem Fenster zu sehen. Wenn man sich ein bisschen anstrengt könnte man sich sogar denken man sitzt im ICE. Mit dem Unterschied dass man im Zug einfach aussteigen kann wenn man Angst hat. Und dass man im Zug keine Angst hat.

18:20 Uhr l Landeanflug, in München ist es schon dunkel. Ich traue mich sogar, ein bisschen aus dem Fenster zu sehen. Die ganze Stadt ist beleuchtet.

18:25 Uhr l Okay, das Flugzeug ist wirklich nahe an den Häusern dran! Und ich kann den Flughafen nicht sehen. Du sitzt im Zug Elli, es ist einfach nur ein Zug.

19 Uhr l Ich habe es überlebt! Nie wieder Fliegen! Naja, bis auf Silvester, da fliege ich nach Hamburg. Ich freue mich jetzt schon darauf.

Merry Christmas!

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