Als Regenschirme noch Hoffnung machten und was danach geschah

Hongkong/Causeway Bay – Gestern haben Polizisten das letzte Protestlager der Regenschirm-Bewegung in Hongkong geräumt. Wie das Leben im Camp in den letzten Tagen vor der Räumung ausgesehen, was die Aktivisten bewegt hat und was ihre Pläne für die Zeit nach dem Camp sind – Ein Rückblick, ein Einblick, ein Ausblick.

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Leslie, sein Hongkong und der Protest

Leslie spricht nicht mehr so gern wie im September. Zumindest nicht mit Journalisten. Die verdrehen nur die Tatsachen, schlagen sich auf die falsche Seite, auf die prochinesische. Das sagt er und sieht das erste Mal nach langer Zeit von seinem Handy auf, zündet sich eine Zigarette an. Vor allem die Journalisten aus der eigenen Stadt, das sind die schlimmsten, die aus der eigenen Sonderverwaltungzone – ist es ein Staat?
Er ist hier aufgewachsen, in the good old days, wie er immer sagt. Hongkong ist seine Heimat, war es, bis sich hier alles verändert hat. Seit 1997, gerade als er nach 12 Jahren Schule und Studium in England als ausgebildeter Schauspieler wieder zurückgekehrt war, war seine Heimat zur Heimat vieler reicher Chinesen geworden und zum Spielplatz für die chinesische Politik. So hat er es von Anfang an empfunden, sich bald nicht mehr wohlgefühlt und nicht mehr frei.
(Für Hintergrundwissen bitte nach ganz unten scrollen!)

17 Jahre vergehen so und dann schläft Leslie in einem Zelt in Causeway Bay mitten auf der Hauptstraße – für die Demokratie. Anfangs ist er einer unter Tausenden, die sich über die volle Länge der Straße und auf zwei große Kreuzungen verteilen. Doch die meisten haben sich in den letzten Monaten vertreiben lassen – von Polizisten und von der Aussichtslosigkeit. Das Lager ist am Ende auf eine Länge von etwa 100m geschrumpft. Pro Meter ein Demonstrant? Im Dezember sind nur noch etwa 100 Demonstranten in Causeway Bay übrig, die dort seit Ende September ausgeharrt haben.

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Sie haben hier gelebt in einer friedlichen Atmosphäre, waren Freunde für sich selbst und für Besucher, haben kleine Regenschirme aus Papier gebastelt, sich mit jedem Tag mehr eingerichtet. Im Dezember sind – neben Rettungsfolien gegen die Kälte – Weihnachtskugeln an Schnüren zwischen ihren Zelten dazugekommen.

Von Grenzen und Gegnern

Und dann soll das Lager geräumt werden. Denn die Demonstranten haben hier viele Feinde. Nicht nur der Staat will, dass das Quartier aufgelöst wird. Da gibt es zum Beispiel noch die Busunternehmen, die die sonst so viel befahrenen, jetzt blockierten Straßen wieder in ihre Routen einbauen und keine Umwege mehr fahren wollen. Sie haben vor Gericht gegen die Protestler geklagt und gewonnen – ganz zur Freude der lokalen Ladenbesitzer, die Angst haben, die Proteste könnten ihnen das Geschäft ruinieren. Aber am meisten haben den Demonstranten die Anwohner, der Großteil davon Chinesen, zu schaffen gemacht. Sie sind wütend geworden mit der Zeit und dann mit jedem Tag ein bisschen mehr. Weil sie ihre Arbeits- und Schulwege ändern mussten, weil man ihre Straße entstellt hat, weil sie besetzt worden ist von Menschen, die für etwas kämpfen, das sie nicht wollen. Manchmal haben sie die Demonstranten beworfen; mit alten Handyhüllen, mit Schuhen, mit verfaultem Gemüse und üblen Beleidigungen.

             Leslie (39) vor seinem Zelt im Geschäftsviertel Causeway Bay.

      Leslie vor seinem Zelt im Geschäftsviertel Causeway Bay.

Seit Wochen hat Leslie mit der Räumung durch Polizeikräfte gerechnet, deshalb seit Beginn der Demonstration keinen Tropfen Alkohol mehr zu sich genommen, obwohl er das vermisst. Er will einen klaren Kopf behalten. Keiner im Lager weiß, wie die Räumung von Statten gehen wird. Zu oft hätten sie hier schon Gewalt erlebt, die Polizei mit Pfefferspray und Tränengas gegen ihre Freunde vorgehen sehen, seltener mit Fäusten und Stöcken. Das erzählt Haku, ein 26-jähriger Tankwart aus Hongkong. Er schläft hier schon lange nicht mehr, aber er hilft aus, so oft er kann.

Er sitzt da, entspannt und ohne Tshirt bei 15 Grad und unterhält sich lange mit mir, ohne einmal zu frösteln. Er fühlt sich freier so, erklärt er mir. Dann dreht er sich im Kreis mit seinen Worten und manchmal muss ich ihn unterbrechen, weil er immer wieder vorrechnet, wie teuer die Wohnungen in Hongkong geworden sind seit 1997. Er scheint wütend und ich glaube, es ist wegen des Geldes und seiner 76-Stunden-Woche.

Von Notlösungen, die zufrieden machen

Die anderen Menschen wirken sehr entspannt, manche sogar aufrichtig glücklich, als fühlten sie sich zuhause hier auf dieser Straße, wo sie weder Toilette und Dusche, noch einen Arbeitsraum oder eine Kochstelle, dafür aber Lösungen für fast alles haben. Für die Hygiene gibt es ein Fitnesscenter gleich um die Ecke, das hat Sanitäranlagen. Und Essen und Getränke bringen die vorbei, die eigentlich protestieren wollen, aber wegen körperlicher oder seelischer Leiden, der Beziehung oder der Arbeitsstelle nicht können. Zum Arbeiten und Lernen gibt es ein abgegrenztes Zelt am Ende des Lagers.

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Dort ist es ruhig und die 15-jährige Karen kommt jeden Tag zum Lernen her. Ihre Eltern sind Against-Occupy und wissen nicht, dass ihre Tochter hier ist. Karen erfindet eine Ausrede nach der anderen. Ich frage, warum sie denn hier ist, dieses junge, zurückhaltende Mädchen. Sie sagt, sie hasst die Polizei und sieht mich ausdruckslos an. Die Geschichte dahinter will sie mir nicht erzählen. Ob sie glaubt, sie kann etwas erreichen, indem sie immer wieder herkommt. Nein, eigentlich glaubt sie das nicht. Und bald müssen sie sowieso gehen und sie muss jetzt nach Hause und fast hätte sie ihr Schulbuch vergessen.

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Von Unerreichtem und geheimen Plänen

Ich stelle Leslie die gleiche Frage, die ich Karen gestellt habe. Habt ihr etwas erreicht mit der Bewegung, die noch keine sichtbare politische Änderung gebracht hat und trotzdem als „Revolution“ bezeichnet wird? Er überlegt lange, nimmt zwei starke Züge von seiner Zigarette, die seltsam nach Kirsche riecht, und sagt: At least we do what we can. Zumindest tun wir, was wir können.

Aber was könnt ihr tun, wenn ihr hier weg müsst und nicht mehr zurückkommen dürft?, frag ich ihn, bevor wir uns verabschieden. Er sieht mich herausfordernd an und es ist das erste Mal, dass ich einen Kämpfer in ihm erkenne.
Ich weiß nicht, was die anderen tun, die aus Central und Admiralty und Mong Kok vertrieben wurden. Aber ich weiß, dass wir einen Plan haben. Vielleicht werde ich ja bald Politiker… Vielleicht greifen wir ja nächstes Mal von innen an. Es gibt immer einen Weg.“

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Die Ruhe und der Sturm danach

Als ich mit dem letzten Zug in Richtung meines Hostels fahre und plötzlich alles ruhig ist, bin ich überwältigt. Causeway Bay. Ich hab sie noch nie so gespürt, die Demokratie, die Herrschaft des Volkes, die Sehnsucht danach. Noch nie wie auf dieser Straße, die nun gestern von 100 Polizisten gestürmt worden ist. Ein Polizist pro Demonstrant? 30 Minuten hatten die Aktivisten Zeit, den Platz mit ihren Habseligkeiten zu verlassen. Dann haben die Polizisten die Barrikaden abgebaut, die übrigen Zelte zusammengefaltet und mit Lastwagen abtransportieren lassen.
Heute weiß ich, dass sich einige Protestler gegen die Räumung gesträubt haben, dass sie die Straße nicht verlassen wollten, nicht ihr neues Zuhause zusammenfalten, bis es wieder in einen unauffälligen Karton passt, der in einer überteuerten Mietwohnung vergammelt.
Einige der Menschen, mit denen ich dort meinen Tag verbracht habe, sind deshalb verhaftet worden. Und ich weiß nicht einmal, welche es sind.

                                                                                 von Lara Thiede (Philippinen, diesmal: Hongkong)

HINTERGRUNDWISSEN

Seit Ende September hatten tausende Studenten und Schüler in Hongkong wichtige Hauptstraßen und Kreuzungen in Geschäfts- und Regierungsvierteln Hongkongs besetzt. „Occupy Central with Love and Peace“ war der Leitspruch für die neue Protestbewegung. Die Aktivisten wollten dadurch friedlich für konsequent demokratische Wahlen und einen von den Hongkongern gewählten Regierungschef kämpfen. Kurz zuvor hatte die Regierung in Peking das Versprechen gebrochen, öffentliche Kandidaten für die Wahl 2017 in Hongkong zuzulassen, also ein allgemeines Wahlrecht für die Einwohner Hongkongs zu garantieren. Die Kandidaten sollen nun doch von einem Komitee aus Pekinger Loyalisten ausgewählt werden, um sicherzustellen, dass sich die Regierung in Hongkong an die chinesische Linie hält.
Besonders im Lager in Mong Kok ist es im Laufe der eigentlich friedlichen Proteste öfter zu Ausschreitungen zwischen Polizisten und Aktivisten gekommen. Um sich gegen Pfefferspray und Tränengas zu schützen, verwendeten die Demonstranten Regenschirme. Die Occupy-Bewegung wurde nun weltweit als Regenschirm-Revolution bezeichnet und verstanden.
In den chinesischen Medien und Medien aus Hongkong sind pro-occupy Artikel kaum zu finden und in der Regel zensiert.

Hongkong ist bis 1997 britische Kronkolonie gewesen, dann an die Volksrepublik China zurückgegeben worden. Seitdem steigen die Lebenshaltungskosten in Hongkong ständig, die Gehälter jedoch bleiben gleich. Chinesen werden vom Staat finanziell gefördert, wenn sie von der Volksrepublik nach Hongkong ziehen und dort ein Geschäft gründen. Die Kantonesen, sozusagen die Einheimischen Hongkongs, werden dagegen nicht mehr hinreichend unterstützt und fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen.
Zwischen den Aktivisten und dem Staat hat sich ein feindliches Verhältnis etabliert. Vor Wochen schon wurde das Lager in Mong Kok geräumt, in den vergangenen Tagen haben auch die Räumungen in den letzten Protestlagern in Admiralty und Causeway Bay stattgefunden.

                                                                             von Lara Thiede (Philippinen, diesmal: Hongkong)

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