Fußball auf Afrikanisch

Die Vuvuzelas tröten, es dröhnt mir in den Ohren. Es ist laut – so laut, dass ich mir am liebsten meine Ohren zuhalten würde. Das kann ich aber nicht, sonst falle ich vom Boda (Motorradtaxi), hinein in den Pulk, die Menschenmenge, die zum Stadion zieht. Wo ich hin will? Zum Mandela National Stadium – Uganda gegen Togo.

Ich? Freiwillig zum Fußball ins Stadion? Als ich meinem Vater davon erzählt habe, dachte er sich vermutlich, jetzt wird doch noch was aus seiner Tochter. Vielleicht hat auch nur die Eichstätter „Erziehung“ der Porno Journos gefruchtet und irgendwie bin ich ja schon neugierig darauf, wie es hier beim Fußball so zugeht.

Ich sitze also auf meinem Boda, klammere mich fest und frage mich ernsthaft, ob ich in einem Stück am Stadion ankomme. Meine Freunde habe ich schon lange aus den Augen verloren – mein Fahrer hat einen anderen Weg genommen (typisch, das passiert mir hier oft, komischerweise aber immer nur mir). Den Leuten links, rechts, vorne und hinter mir scheint die volle Straße keine Sorgen zu machen. Matatus (Minibusse) neben Bodas, ein paar Autos dazwischen und ein riesiger Laster, der sich seinen Weg bahnt. Mittendrin: ich.

Die Laune der Ugander ist gut, mehr als das: Allein, zu zweit, zu dritt sitzen sie auf den Bodas, klemmen sich große Trommeln unter den Arm, schwenken Fahnen, schreien und balancieren ihre Vuvuzelas im Mund. Richtige Fangesänge gibt es nicht – Hauptsache, es ist laut. Am Stadion angekommen, werde ich alle 20 Sekunden gefragt, ob ich mir mein Gesicht bemalen lassen will. Überall laufen Männer mit Farbkästen und Pinsel herum, das Wasser (sofern sie welches dabei haben) hat eine undefinierbare Farbe angenommen. Aber klar, ich will, und einer pinselt mir etwas auf die rechte Backe, das entfernt mit einer Flagge verwandt sein könnte.

Ticket

Feste Sitzplätze oder sowas gibt es hier nicht, die Reihen sind aus Stein, man quetscht sich hin, wo man noch reinpasst – oder sich einbildet noch hinzupassen. Bevor es losgeht, gibt es noch einen Auftritt der Cheerleader, dann ertönt der Pfiff.

Das Spiel ist zäh, es passiert nicht viel, die Sonne brennt. Die Uganda-Fans sind ein bisschen müde, sie haben sich auf ihrem Weg schon verausgabt. Vereinzelt stehen Leute auf, schreien ein bisschen, prusten in ihre Vuvuzelas. Dann erwachen Spieler und Fans, Uganda kämpft. Aber es reicht nicht, der Ball fällt nie ins Tor.

Plötzlich sehe ich gegenüber auf der anderen Seite des Stadions Dinge durch die Luft fliegen. Bevor ich realisiere, was los ist, trifft mich eine Flasche fast am Kopf. Ich ducke mich. Über mich hinweg segeln Plastikbecher und weitere Glasflaschen, leere Tüten und Essensreste prasseln auf den Boden. Die Sicherheitsleute scheint das nicht zu stören, kein Mundwickel zuckt, niemand zeigt eine Regung. Vermutlich sind die das gewohnt. Ich bin es nicht, komme aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Der Grund für die Wut? Eine Schiedsrichterentscheidung, die nicht gefallen hat. Kurz darauf geht das Spiel normal weiter, alle feiern und schreien als wäre nichts gewesen.

Am Ende siegt Togo leider – und sogar ich mit meinem Laien-Fußballwissen konnte sehen, dass das mehr als unverdient war. Köpfe hängen trotzdem kaum, die Feierei geht weiter. Nur als wir Richtung Stadt laufen, trottet ein Mädchen vor uns, die Uganda-Fahne fest um sich geschlungen und meint „I am sad now“.

Von Anne Fleischmann

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