Treffen sich zwei Irinnen, zwei Französinnen und eine Deutsche

Meine erste WG

Eine kleine, schicke Wohnung im Stadtzentrum wäre toll, habe ich mir gedacht. Hello, my name is Elisabeth and I am interested in your accommodation. Ja, ich finde Ihre Wohnung wirklich schön. Das ist nur ein Zimmer, ach so? Und ich muss es mit Jemandem teilen? Naja, ich weiß nicht. Ich kann aber nur vier Monate bleiben – hallo? Sind sie noch da?

Keine Chance. Nach über 50 Anfragen bei Privatvermietern, Maklern und Studentenwohnheimen habe ich zwei Möglichkeiten: Ein Zimmer, für das ich die doppelte Miete zahlen kann, um alleine darin zu schlafen, und ein richtig schönes, weiß gestrichenes Einzelzimmer mit Bad im Haus einer Familie, für 550 Euro. Pro Woche. Dear Elisabeth, somebody cancelled his on-campus room. Do you want to move up? YES, I DO!

Eine 5er-WG also. Gut, dann bin ich wenigstens nicht so oft allein denke ich, und ziehe ein. Außerdem ist die WG im selben Wohnheim in dem Kristin wohnt (was uns später dazu gebracht hat, viel zu oft Pizza zu bestellen und fast vier Staffeln Breaking Bad in drei Wochen zu sehen). Ich wohne zusammen mit Emma und Danika, zwei Irinnen und mit Fanny und Julie, zwei Französinnen. Jede hat ihr eigenes Zimmer und wir teilen uns eine Wohnküche. Die war komplett leer, als wir angekommen sind. Mittlerweile ist sie voll mit pinken Nudelsieben, rotem Besteck und Micky Maus-Bechern. Dabei laufen wir uns in der Küche fast nie über den Weg: Ich koche geschätzt fünf Stunden früher als Julie und Fanny, die meistens erst so um 8 Uhr mit dem Abendessen anfangen. When do you have dinner?, haben wir Emma mal gefragt. Sie zuckt mit den Schultern. Irish people eat when they are hungry. Unkompliziert. Und immerhin, ich habe keine so krasse Wildsäue-Erfahrung gemacht wie Kristin.

Gestern bin ich davon aufgewacht, weil der Typ, der über mir wohnt, sich in seinem Bett umgedreht hat. Wenn sich bei uns Jemand in der Küche unterhält, höre ich das Lachen bis in mein Zimmer, das am Ende des Flurs liegt. Mein Zimmer zeigt auf den Weg, genau zwischen der Studentenbar und dem Eingang zu insgesamt drei Campus-Wohnheimen. Das heißt, ich bekomme jede Woche mit wie gefühlt alle 1.000 Iren, die in den Wohnheimen leben und über das Wochenende nach Hause gefahren sind, sich wahnsinnig freuen dass Montag ist. ENDLICH WIEDER UNI! Lasst das mal vor Elli’s Fenster feiern! Nachts um eins, nachts um drei, und nachts um fünf nochmal! Und, lasst uns auf jeden Fall singen! Mittlerweile habe ich das Gefühl, ich kenne jede Woche die neue irische Top Ten. Ah, It’s all about the bass diese Woche nur dreimal vor meinem Fenster gehört, ist wohl runter von der zwei auf Platz sechs der Charts.

Wenn man in einer WG wohnt, kann man leider auch nicht bestimmen, wen die Mitbewohner mit nach Hause bringen. An einem Abend klingeln zwei betrunkene Iren an allen Wohnungen. She´s from Germany, stellt Emma mich vor. Einer der Typen hebt seine Bierdose und schaut mich an. Have you been in the War? Wie bitte? Okay, das meint er wirklich ernst. Nein, ich bin kein Nazi. Nein, ich war auch nicht im Krieg. Und meine Eltern auch nicht. Und meine Großeltern auch nicht. Aber danke der Nachfrage.

Das Gute ist: Wenn ich mal nicht in meiner WG nicht alleine sein will, gehe ich einfach zehn Meter weiter und bin in Kristins Wohnung nicht allein.

Manchmal komme ich mir auch vor wie zu Hause. Zum Beispiel wenn Julie oder Fanny zu viel Nachspeise kochen und ein Blech Apfelkuchen, Tiramisu oder eine Ladung Pfannkuchen auf dem Küchentisch für alle liegt. Ich liebe es, wenn Fanny anfängt laut auf Französisch zu schimpfen, wenn ihr das Nudelwasser überkocht. Oder wenn Emma und Danika vom Football-Training nach Hause kommen, völlig durchnässt obwohl es draußen gar nicht mehr so regnet, und aufgeregt kichern. What did you do?, frage ich wie eine besorgte Mama. Die beiden grinsen mich an wie zwei Fünfjährige. We were jumping in puddles, sagen sie glücklich und fangen wieder an zu kichern.

Wenn man in einer WG wohnt, dann bekommt man mit, wenn die Mitbewohnerin krank ist, wenn eine andere den Kater ihres Lebens hat. Man ist dabei, wenn eine vor Heimweh heult und eine meint, die Party des Jahres ins Wohnzimmer zu verlegen. Man ist dabei, wenn Jemand schwarze Spitzendessous im Wohnzimmer verliert und Jemand beschließt, dass die Pizzakartons so schön auf dem Küchentisch aussehen, dass man sie auf jeden Fall erst nächsten Monat aufräumen sollte. Man ist dabei, wenn eine beschließt, dass das Mikrowellenpopcorn erst eine Stunde und gewaltige Rauchentwicklung später aus der Mikrowelle geholt werden sollte und man ist nicht dabei, wenn einem der Joghurt aus dem Kühlschrank weggegessen wird.

Ich liebe meine Multi-Kulti-WG. Zum Beispiel weil es nicht unsere WG war, in der Jemand versucht hat, Mikrowellenpopcorn im Toaster zu machen. Es hat nicht funktioniert (Überraschung!). Deshalb hat Er das Popcorn noch einmal in den Toaster gesteckt, der dann explodiert ist und die Küche in Brand gesetzt hat (keine Überraschung!). Noch zwei Wochen in Irland. Ich werde die Mädels ganz schön vermissen.

Liebe Grüße,

Eure Elli ❤

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