Verliebt in die Stadt der Liebe

Von Ratten, mörderisch guten Tartelettes und Pennern ohne Hose – meine Erfahrungen in der Stadt meiner Träume

15.September.2014, Paris

Ich stehe in einer 50 meterlangen Warteschlange vor dem Sekretariat der Uni. Vor mir warten gefühlte 100 Studenten, die alle dasselbe Ziel haben wie ich: für die Vorlesungen des kommenden Semesters einschreiben. Und das geschieht hier nicht wie in Deutschland mit einem Klick online, sondern wie anno dazumal: Man trägt sich schriftlich in eine ausgedruckte Excel Tabelle ein.

 

Mittlerweile stehe ich schon zwei Stunden und 45 Minuten hier. Meine Füße schmerzen, ich muss seit einer gefühlten Ewigkeit pinkeln und der Typ vor mir hätte sich auch mal duschen können. Um mir die Zeit zu vertreiben, bombardiere ich meine Freunde mit einer SMS nach der anderen. „Cool bleiben Baby!“, schreibt mein Freund zurück.

Drei Stunden und 30 Minuten. Ich bin an der Reihe, die Tür geht auf. Mit einem „Bienvenue à l’université Paris Ouest!“, werde ich begrüßt. Ja, „willkommen“ denke ich mir…

Nach vier Stunden habe ich es geschafft mich für zwei meiner Kurse einzutragen. Für den Rest darf ich mich morgen eintragen, denn die Sprechzeit ist jetzt leider schon vorbei. Eine neue Warteschlange also…

Laissez faire vs. deutsche Effizienz

Nach zwei Monaten sind die Warteschlangen für mich hier schon ganz normal und auch das chaotische Unileben. Die französische Unbedarftheit ist schon auf mich übergeschwappt.

Meine Uni, an der Persönlichkeiten wie David Guetta und Sarkozy studiert haben, gleicht einem Plattenbau aus den 80ern. Grau, zerfallen und vermutlich einsturzgefährdet. In der Abenddämmerung sieht man ab und zu sogar eine Ratte herumspringen, aber das stört hier niemanden. Außerdem stört es niemanden, dass die Lehrmethoden aus den 90ern stammen. Die Franzosen sind eben etwas langsamer im Modernisierungsprozess. Von PowerPoint hat man hier noch nie etwas gehört. Man bevorzugt Tafelanschriften, wenn überhaupt. Die Vorlesungen gleichen einem Diktat, wie damals in der Grundschule. Der Professor steht vorne im Hörsaal, diktiert und die Studenten schreiben wie verrückt jedes einzelne Wort mit.

Aber auch an das Altmodische hier habe ich mich gewöhnt. Ich mag es sogar. Das ist eben das „laissez-faire“ der Franzosen: Nicht alles so super ernst zu nehmen. Sondern einfach mal sein Leben zu leben und es genießen.

Ma vie à Paris

Ganz anders als die Uni, ist die Gegend in der ich lebe. Ich wohne etwas außerhalb von Paris in „Le Vésinet le Pecq“. Das ist die Gegend der Reichen. Eine Villa nach der anderen reiht sich am Straßenrand auf, vor den Häusern stehen Porsche & Co. Das Haus in dem ich wohne, unterscheidet sich sehr von den Villen. Es ist mit Abstand das hässlichste und einfachste. Ich finde es trotzdem schön.

Mein „Kabuff“, das ich in diesem Haus miete und das mich jeden Monat 550 Euro kostet, misst etwa 10 m2, besitzt keine Heizung und hat kleine Schimmelflecken an den Wänden. Aber das ist normal hier – auf Wohnungen legt der Pariser keinen besonderen Wert.

Ich wohne mit zwei Amerikanerinnen und einer Polin zusammen. Die Amerikanerinnen, zwei Mormonen, trinken keinen Kaffee, weil ihr Glaube ihnen Koffein verbietet. Pepsi Cola trinken sie aber eimerweise, weil Koffein im kalten Zustand angeblich gesünder ist. Die Leibspeise der Polin ist Wodka. Sie hört rund um die Uhr die polnische Musikrichtung „Disco-Polo“. Meines Erachtens eine Mischung aus Höhlenmusik und dem polnischen Hansi Hinterseher. Aber ich mag unsere WG. Wir sind alle so gottverdammt verschieden, dass es doch wieder passt.

Etwas außerhalb von Paris zu wohnen mag ich sehr. Man ist nicht rund um die Uhr von Touristen umzingelt und lernt auch mal das „echte“ Frankreich kennen. Außerdem habe ich es nicht weit in die Stadt. Mit der Métro 15 Minuten.

Das unglaublich schöne Paris

An Paris liebe ich dieses altmodische Flair, dieses Gefühl nicht nur in der Gegenwart sondern auch im 18. oder 19. Jahrhundert zu leben. Die Karusselle, die aussehen wie in Bilderbüchern, die modrigen Bücherläden am Ufer der Seine und die vielen kleinen winzigen Boutiquen, die zu keinen großen Ketten gehören und doch überleben können. Besonders die Patisserien, die man wirklich an jeder Straßenecke findet. Jedes Mal könnte ich mir an deren Fenster die Nase platt drücken! All die kleinen Tartelettes mit Himbeeren und Schokolade, die Macarons in allen Farben, die man sich nur ausdenken kann, die Körbe voller Baguettes und einfach dieser Geruch! Ich schwöre, für den Geschmack der Tartelettes würde sterben.

Altmodisch und doch so schön

Altmodisch und doch so schön – Café am Canal-Saint-Martin

Was ich noch viel mehr liebe: Die Mode. Die ist hier ist einfach unbeschreiblich. Die Menschen haben Ahnung davon und Geschmack. Man sieht so viele Pariser, die von Kopf bis Fuß gut angezogen sind. Keine Wohlbeleibten, die sich in zu enge Leggings quetschen, um dann wie Presswürste auszusehen…

Die Schattenseiten…

An den Geruch von Urin und Kacke in den Métro Stationen gewöhnt man sich. Tut mir Leid für die Ausdrucksweise, aber es ist einfach so.

Neulich abends, als ich in Paris unterwegs war, bin ich zwei Obdachlosen ohne Hose begegnet. Beide haben anscheinend Gefallen daran gefunden, mir ihr bestes Stück wie einen Fernseher im Schlussverkauf zu präsentieren. Ein bisschen verwirrt war ich schon…

Darüber aufregen, dass die Obdachlosen in den Métro Stationen abhängen, kann ich mich fast nicht, denn wo sollen sie sonst hin? Einen Anspruch auf eine staatlich finanzierte Wohnung – für deutsche Sozialhilfeempfänger selbstverständlich – gibt es in Frankreich nicht.

Klar gibt es schmuddelige Ecken in Paris, über die viele schimpfen. Ich denke mit Paris ist es einfach wie mit einem Partner. Wenn man sich in jemanden verliebt, dann weiß man sogar die Makel zu schätzen.

Von Eva Hetzner (Paris, Frankreich)

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