Welcome to the real South, y’all!

von Luisa Casci (Memphis, TN, USA)

Memphis ist regelmäßig auf Platz eins der gefährlichsten Städte in den USA. Viele Leute haben Waffen Zuhause und im Auto. Eine Gang hat in meinem Lieblingssupermarkt jemanden fast zu Tode geprügelt, eine Frau wurde vor einem „Target“ in der Nähe der Uni von ihrem Freund erschossen. Alle 5 Meter steht eine Kirche. Ich hab Menschen kennen gelernt, die aus religiösen Gründen nie im Leben Alkohol trinken würden. Aber nicht alles ist so seltsam an den Südstaaten. Es kann auch sehr schön sein, man muss nur länger suchen als woanders.

Ich bin schon 10 Wochen an der University of Memphis und bin nicht mehr verwirrt, wenn mich die Bedienung im Restaurant Sweetie, Sweetheart, Honey oder Sweet Pea nennt. Ich verstehe manche Leute, die einen besonders schlimmen „southern drawl“ sprechen immer noch nicht, aber man gewöhnt sich ja bekanntlich an alles.

Man gewöhnt sich an die Stadt

Beale Street

Die Beale Street ist die einzige Straße in Memphis in der man öffentlich Alkohol trinken darf

Memphis ist nicht schön. Außer ein paar Museen, den Mississippi, Graceland und der Beale Street gibt es nichts zu sehen. Gott sei Dank ist die Fernbus-Anbindung relativ gut und billig. Mit anderen Austauschstudenten war ich schon in Chicago, Dallas und New Orleans. Wenn wir schon von der Infrastruktur reden: Sie ist zum Haare raufen. Memphis ist eine extrem arme Stadt. Im Großraum Memphis wohnen so viele Leute wie in München, aber es gibt gerade mal 33 Busrouten. Keine U-Bahn, keine Straßenbahn, nichts. Fast jeder hat ein Auto. Wenn ich die 15 Minuten zum Supermarkt laufe, hupen mich ständig Autos an. Ich vermisse nicht so sehr meine Familie, sondern gut funktionierende öffentliche Verkehrsmittel! Im Bus werde ich schief angeschaut, meistens bin ich die einzige Weiße.

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Das Mississippi-Ufer ist ganz nett, aber der Fluss ist sehr dreckig

Man gewöhnt sich an die vielen Schwarzen

Lorraine Motel

Auf dem Balkon des Lorraine Motel wurde Martin Luther King Jr. am 4. April 1968 erschossen

Klingt komisch, ist aber so. In Deutschland kenne ich genau zwei Schwarze. In Memphis sind über 60 Prozent der Bevölkerung Afroamerikaner. Die Stadt ist damit amerikaweit auf Platz 6 im Ranking der Städte mit dem größten Anteil afroamerikanischer Bevölkerung. An der Uni ist es ziemlich ausgewogen. Trotzdem habe ich beobachtet, dass Schwarze und Weiße größtenteils komplett voneinander isoliert leben. In der Uni stehen Schwarze in Gruppen zusammen und die Weißen stehen selber untereinander. Natürlich gibt es auch Ausnahmen: Ich habe eine sehr nette, gesprächige Kommilitonin in meinem Spanischkurs. Eine Freundschaft kann ich daraus aber nicht aufbauen. In der Uni und der Stadt scheint es fast wie eine freiwillige Rassentrennung. Alle sind betont freundlich zu einander, das macht man im Süden so, aber auch nicht mehr. Meine Mitbewohnerin redet nur mit mir wenn sie muss und läuft den ganzen Tag telefonierend in der Wohnung rum. Sie hat mindestens vier Nächte die Woche eine Freundin zu Besuch, aber ein Gesprächsthema finde ich auch nicht mit den beiden, weil sie sich oft im Zimmer meiner Mitbewohnerin einsperren und anfangen zu flüstern, sobald ich auch nur an ihnen vorbeigehe. Ich habe oft das Gefühl, dass es zwischen Schwarzen und Weißen immer noch viel Misstrauen gibt. In einer Stadt, in der die Bürgerrechtsbewegung unter Dr. Martin Luther King Jr. in den 1960er Jahren einen großen Einfluss hatte, erschreckt mich das schon sehr. Vielleicht war ich auch naiv, aber ich hatte mir das anders vorgestellt.

Man gewöhnt sich an die Uni

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Eine der vielen Willkommensveranstaltungen an der Uni

Manchmal muss ich im Unterricht wirklich das Lachen unterdrücken. Wenn mein Dozent erklärt was Zensur ist und niemand außer mir weiß in welchem Jahr die Unabhängigkeitserklärung der USA proklamiert wurde (1776!) kann ich den Unterricht nicht mehr so ganz ernst nehmen. Trotzdem habe ich unglaublich viel zu tun. Bücher lesen, Essays schreiben, Quizzes schreiben, drei Midterms, davor eine Prüfung, danach noch eine…man ist immer beschäftigt. Das Niveau ist trotzdem nicht so hoch wie in Deutschland und vielen Amerikanern fehlt es an Grundwissen.

Man gewöhnt sich an den Hype

Football

Cheerleader und Marching Band stimmen die Zuschauer auf das Spiel ein, im Hintergrund steht das Liberty Bowl Stadion

Obwohl ich hier so viele übergewichtige Menschen gesehen habe wie nie zuvor, sind die USA immer noch Sportfanatiker. In Deutschland war ich noch nie bei einem Bundesliga-Spiel, aber hier war ich schon bei drei Footballspielen der Unimannschaft. Ich habe die Regeln gelernt und kann mittlerweile fast wie ein richtiger Fan singen, schimpfen und jubeln. Wer jetzt denkt: „College-Football haha, dass ich nicht lache!“, dem sage ich: Zu einem Spiel der Memphis Tigers kommen oft bis zu 70.000 Fans ins Stadion und bevor das Spiel anfängt, gibt es immer einen unglaublichen Hype um die Spieler: laute Musik, Cheerleader, Tänzer, Fahnenträger, die Marching Band. Als Student zahlt man nichts (sonst wäre ich vielleicht nicht soo oft gegangen), aber besonders in den Südstaaten sind Footballspiele ein Familienevent, für das man auch gerne mehr Geld ausgibt. Die Footballsaison ist fast vorbei und ich freue mich schon auf Basketball. Der ist in Memphis noch wichtiger. Sowohl die Memphis Tigers als auch die Grizzlies, die NBA-Mannschaft hier, haben so einiges drauf.

Liberty Bowl Stadium

Ich bin auch schon zum richtigen Footballfan geworden. Go Tigers!

Man gewöhnt sich an das Essen. Nicht.

Pancakes

Pancakes werden mit extra viel Butter serviert und meistens in viel zu großen Portionen

Bevor ich in die USA gefahren bin hat man mir gesagt „Du wirst soo fett wiederkommen, das ist bei allen Europäern so!“. Aber guess what? Ich gehe regelmäßig ins richtig tolle Sportzentrum an der Uni und meine Hosen passen immer noch. Außerdem kann ich keine Burger mehr sehen, wenn jemand „fried chicken“ sagt, werde ich grün im Gesicht und das für Memphis so bekannte „pulled pork barbecue“ habe ich nur zweimal gegessen. Es geht also auch anders.

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Central BBQ ist die bekannteste Kette hier in Memphis, berühmt für das typische „Memphis Barbecue“

Man gewöhnt sich an die Menschen…irgendwie

Dallas

Ein riesiger Kirchenkomplex in Dallas, Texas

Die ersten paar Wochen habe ich mich regelmäßig gefragt, ob irgendwas falsch an mir ist, weil kein Amerikaner mit mir geredet hat. Wirklich niemand! Ich habe meiner Sitznachbarin gesagt, dass ich ihr Hemd schön finde, sie hat sich höflich bedankt und seitdem kein Wort mehr mit mir geredet. Amerikaner sind mir immer noch ein Rätsel, besonders die Verbindungen, hier Fraternities (für Jungs) und Sororities (für Mädels) genannt, die sehr beliebt sind. Mittlerweile habe ich aber ein paar internationale Studenten kennen gelernt, die hier die ganzen vier Jahre studieren, und auch einige Amerikaner (Halleluja!). Wir unternehmen viel zusammen. Wir waren schon campen in Moscow, Tennessee und haben dort mit Pistolen geschossen, waren am höchsten Punkt im Nachbarstaat Arkansas (ich habe fast geweint: leider nur knapp 840m) und haben in einem Nationalpark an einem See gecampt.

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Der Cove Lake im Ozark National Forest in Arkansas

Man gewöhnt sich an die Mode…?

Ich bekomme regelmäßig Augenkrebs wenn ich wieder ein paar Verbindungsmädels sehe: ein viel zu großes T-Shirt, Nike Sport Shorts und dazu entweder Adiletten mit Kniesocken oder Chacos, die hässlichsten Sandalen der Welt. Jetzt, wo es endlich abkühlt, muss ich Gott sei Dank keine Füße mehr sehen, aber die fashion choices der Studenten sind immer noch zum Heulen. Besonders wenn man die vielen krankhaft fettleibigen Menschen sieht, die sich anziehen wie ein 48-Kilo-Cheerleader.

In dieser ganzen Zeit habe ich es doch irgendwie geschafft nicht wirklich Heimweh zu bekommen. Natürlich freue ich mich auf München und Eichstätt, aber es geht mir hier gut und ich bin immer beschäftigt. Nach dem Semester werde ich noch drei Wochen lang rumreisen und sehen, ob ganz Amerika einen Schaden hat oder nur der Süden.

Bis dann, servus und bye y’all!

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Im Aquarium in New Orleans

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