Dublin und Ich – Eine Hassliebe

von LKR (Dublin, Irland)

Vom falschen Alarm, meinem besten Freund dem Hausmeister und einem Zoo
Der Alarm dröhnt ohrenbetäubend auf den Innenhof des Wohnheims. Wasser tropft von meinen Haaren in meinen Pullover. Kalt läuft es mir über den Rücken. Der Wind schlägt mir  nasse Strähnen ins Gesicht. Meine Filzpantoffeln schmatzen bei jedem Schritt. Die Gänsehaut kommt und geht im Sekundentakt. Meine Füße: Kalt. Meine Laune: Im Keller.
Ich bin deutsch. Ich befolge Regeln; wenn ein Feueralarm losgeht, dann bewege ich meinen deutschen, regelverliebten Arsch aus dem Haus. Komme was wolle. Ich habe schon in der Grundschule gelernt: Fenster zu und laufen. Nicht denken, nicht abtrocknen, laufen!
Es ist Samstagmittag. Bis vor zwei Minuten stand ich in der Dusche, dann kam der Feueralarm. Raus aus der Dusche, rein in die Jeans, runter ins Freie. Völlig durchnässt stehe ich zwischen den Häusern des Studentenwohnheims und wundere mich, warum nicht mehr Menschen aus Haus Nummer 2 stürzen.
Ein paar Stunden später sollte ich erfahren, dass das ein Übungsalarm war. „Wüsstest du, wenn du deine Mails checken würdest.“ Danke. Mails checke ich seit Wochen nicht mehr. Mein Laptop hat nämlich schon vor Dublin den Geist aufgegeben.
Dass meine Dusche an einem Samstag funktioniert, grenzt an ein Wunder. Im vergangenen Monat hatte ich an keinem Wochenende warmes Wasser. Luft in der Leitung nimmt dem Wasser den nötigen Druck. Natürlich nur an den Wochenenden, wenn mir niemand helfen kann.
Der Hausmeister repariert die Dusche immer erst montags. Er begrüßt mich mittlerweile schon mit Vornamen. „Kristin, how are you?“ „Hi Fred, I am fine. How are you?“
Meine Deckenlampe repariert er aber nicht, auch wenn ich ihn schon zu meinen besten irischen Freunden zählen kann. Ich hätte das im Internet nicht eingetragen. Natürlich habe ich das nicht eingetragen. Ich habe keinen Laptop, verdammte Scheiße.
Dafür habe ich eine Art Zoo in meiner WG. Hauptsächlich wohnen hier Wespen. Die größten, die ich je gesehen habe. Die sind so groß, dass nicht mal die fetten, behaarten Spinnen in meinem Zimmer sie bändigen können.
Und dann wohnen hier noch Schweine. Zwei kleine Ferkel und zwei riesige Wildsäue. Sie sind 17 und 18 Jahre alt, frisch vom Muttertier weg und halten nichts von Sauberkeit. Es passiert schon mal, dass sich die vollen Müllsäcke neben der Spüle stapeln – Die Mülltonnen sind immerhin eine ganze Minute Fußweg entfernt. Dass das Fett im Ofen eine Lache bildet oder dass die rohe Putenbrust zwischen Cornflakes und Topflappen vor sich hinschimmelt, merkt hier außer mir niemand.
Ich bin hier neben meinem Studentendasein also auch noch Putzfrau und Babysitter. Während meine männlichen Mitbewohner sich in userem Wohnzimmer gegenseitig bei der 1000. Runde Fifa anbrüllen, kratze ich Nutella oder Tomatensauce aus den Fugen des Küchenbodens.
„You don’t have to do that Kristin.“ Natürlich muss ich das nicht machen, aber ich möchte in meiner Küche kochen können, ohne Angst vor einer Lebensmittelvergiftung haben zu müssen. Das verstehen meine Flatmates allerdings nicht. Deswegen spülen sie auch weiterhin konsequent mit kaltem Wasser und ohne Spülmittel ab; aber nur, wenn der Tellerberg so groß ist, dass sich die Mikrowelle nicht mehr öffnen lässt.
Man könnte sagen, dass es in Irland nicht ganz rund läuft für mich. Mein Auslandssemester stand von vornherein unter keinem guten Stern. Nachdem eine völlig unfähige Mitarbeiterin der KU Eichstätt mir und meiner besten Freundin das Semester in den USA verbaut hat, mussten wir – ohne Hilfe der Verantwortlichen – etwas anderes suchen. Irland ist meine Notlösung. Ich wollte hier nicht sein und ich passe hier nicht hin. Vielleicht fühlt es sich deshalb mehr nach Not als nach Lösung an.
Und so vergeht kein Tag ohne kleine oder mittelschwere Katastrophen: Erst heute ist der mir der PC in der Bibliothek abgestürzt. Von meinem Aufsatz ist bis auf die Gliederung nichts übrig geblieben. Die Starbucksmitarbeiterin auf dem Campus versucht anscheinend mich mit Laktose zu vergiften, obwohl ich sehr wohl in der Lage bin Sojamilch zu bestellen. Seit ich hier bin, hatte ich schon dreimal Grippe. Ich ernähre mich seit meiner Ankuft hauptsächlich von Kartoffeln und Nudeln, weil alles andere unbezahlbar ist. Unter mir wohnt ein nachtaktiver Franzose, der hobbymäßig Türen zuschlägt. Wegen Überfüllung habe ich noch keine Disco von innen gesehen und habe es trotzdem schon bis zur Alkoholvergiftung gebracht  (Danke an der Stelle, an den netten Apotheker der mir versicher hat, dass meine Tabletten in Kombination mit „ein wenig Alkohol völlig unbedenklich“ seien.) – drei Tage Scheintod.
Aber natürlich ist nicht alles schlecht – auch wenn Elli mittlerweile Angst hat, Zeit mit mir verbringen, weil die Gefahr überfahren, ausgeraubt, vom Blitz getroffen oder exmatrikuliert zu werden, mit mir deutlich höher scheint.
Dublin ist wunderschön. Ich kann mich nicht sattsehen an den prunkvollen Altbauten, den buten Türen und denn gigantischen Kirchen. Das Talent der irischen Straßenkünstler macht mich oft sprachlos. Die Landschaft um die Hauptstadt ist atemberaubend schön. Der Geruch von frisch gekochtem Stew fühlt sich schon fast ein wenig nach Heimat an und ich liebe es, mich beim Busfahrer zu bedanken. Ich klatsche nicht im Flugzeug, aber beim Busfahrer bedanke ich mich irgendwie gerne.
Die Menschen hier sind unfassbar freundlich, aber schwer zugänglich. Richtige Freunde findet man in Iren als Ausländer eigentlich nicht. Meine Vorlesungen sind super, aber die Uni ist teuer. Das Essen hier ist unverschämt lecker und die Shoppingmöglichkeiten sind schier endlos. Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass ich in einem Land befinde, in dem ich weder das Wetter noch die Mentalität – vieler aber natürlich nicht aller Menschen – sonderlich mag.
Dublin und ich, das ist Hassliebe. Das ist wie Duschen mit Feueralarm. Neu, aufregend und unvergesslich, aber es passt auf Dauer nicht zusammen. Es ist schlecht für die Nerven und unnötig kompliziert.

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Ein Gedanke zu “Dublin und Ich – Eine Hassliebe

  1. Ich muss der Aussage widersprechen, „eine völlig unfähige Mitarbeiterin der KU Eichstätt“ habe Ihnen und Ihrer „besten Freundin das Semester in den USA verbaut“. Richtig ist, dass Sie und Ihre Freundin keinen Studienplatz an einer der zehn von Ihnen angegebenen Unis in den USA erhalten haben. Das kann im ISEP-Verfahren passieren. Sie haben das Angebot erhalten an einer anderen Uni, der „Queens University of Charlotte in North Carolina“ zu studieren. Dieses Angebot haben Sie abgelehnt. Und Ihre Freundin hat gleich gesagt, wenn Sie nicht an eine der zehn gewünschten Unis kommt, sucht sie sich selbst etwas, sodass über ISEP keine weitere Uniofferte folgte. Wer sein Auslandssemester dann selbst organisiert, muss das auch eigenständig umsetzen.

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