Von Jesus und Adiletten

Acht Wochen sind vorbei und ich habe genug geflucht, geheult und gegrübelt, um darüber zu sprechen, warum ein Auslandssemester nicht immer die geilste Zeit eures Lebens sein muss.

Ich bin in Spokane im Staat Washington, oben links auf der Karte, nicht unten rechts; kein D.C., kein Weißes Haus, dafür mitten in der Pampa. Auslandsaufenthalt in Amerika, das schreit eigentlich nach Beerpong, Football und Collegepartys. Aber dann: Realitycheck. Ich bin in einem fremden Land, muss neue Freunde finden und will die Alten behalten, gute Noten schreiben und soll währenddessen die beste Zeit haben. Gar nicht easy, denn mein Leben zuhause, das so ganz anders als das ist, was ich hier erlebe, mag ich eigentlich wirklich gerne. Und obwohl ich mich langsam daran gewöhne, reißt mein Auslandssemester mich nicht von den Socken.

Stichwort: Stundenplan

Während zuhause die Klausuren am Semesterende immer ein halber Weltuntergang sind („Oh Gott, wir haben so viel zu tun!“, „Was fällt denen eigentlich ein?“, „Wir sind doch auch nur Menschen!“), haben wir hier Hausaufgaben und jede Woche mindestens drei benotete Essays, Quizzes oder Prüfungen. Pro Kurs arbeiten wir im Schnitt drei Bücher durch – ganz schön anders im Vergleich zu Deutschland, wo ich in vier Semestern gerade mal zwei Bücher kaufen musste. Klingt stressig, ist es auch, und selbst wenn das hier die Party-Hochburg No.1 wäre – Zeit hätte dafür keiner. Stattdessen kommt man von der Uni und macht Hausaufgaben (oder wie ich ein Nickerchen, man muss Prioritäten setzen) und lernt. Und eigentlich mag ich das System gerne: Ich lerne durch die Hausaufgaben konstant dazu und muss mir nicht am Ende des Semesters den kompletten Stoff reinpressen. Aber ein Leben neben der Uni hat man hier nur am Wochenende.

Stichwort: Jesus

Meine Universität hier ist laut Wikipedia christlich, na und? Schließlich heißt die KU auch katholisch, ist es aber nicht wirklich. Weit gefehlt, hier prallen die Kulturen aufeinander und die ersten Tage waren ziemlich ungewohnt. Während wir in Europa unseren Glauben (wenn vorhanden) hauptsächlich für uns und im Privaten ausleben, ist es hier normal, dass bei Schulveranstaltungen der Pastor kommt, Psalme gelesen werden und fast jeder Student sonntags in die Kirche geht. Die Bibel ist Pflichtlektüre und die Regeln klar: Keine Gewalt, kein Alkohol, keine Drogen und vor allem kein Sex auf dem Campus. Und obwohl viele Menschen hier „trotz“ ihres Glaubens tolerant sind, gibt es auch die andere Seite, die urteilt und ausflippt, wenn man sich nur mit jemandem des anderen Geschlechts unterhält.

Stichwort: Collegeparty

Dass solche Verbote nicht immer Sinn machen, sieht man, wenn man am Wochenende dann doch mal eine Collegeparty abseits des Campus findet. Drinnen klebt der Alkohol in der Luft und es riecht nach Gras, die Bong wandert, die x-te Runde Beerpong läuft auf Hochtouren und im Badezimmer liegt schon das erste bewusstlose Mädchen. Warum das passiert, kann ich mir denken: Nachdem ich Ende August angekommen bin und mir plötzlich verboten wurde, was ich vorher mindestens fünf Jahre offiziell tun durfte, habe ich mich gefühlt wie ein Teenie. Alles verboten und damit erst mal ein riesiger Reiz, der sich zumindest für mich schnell wieder erledigt hat. Als ich aber mit meiner Freundin aus Kalifornien darüber rede, wieso alle auf den Partys so abstürzen, erklärt sie mir, dass sei ein „American thing. We drink and smoke to get wasted.“

Stichwort: Roommate

Sie ist da, wenn ich morgens aufwache, wenn ich aus der Dusche komme, Hausaufgaben mache, mir die Nägel lackiere, wenn ich eigentlich lieber allein sein will und wenn ich beim „Gilmore Girls“-Gucken Haferflocken esse – meine Mitbewohnerin. Im Gegensatz zu den europäischen Wohnheimen, Wohnungen und WGs, wohnt man hier in Dorms auf dem Campus und teilt sich sein Zimmer in der Regel mit mindestens einer anderen Person. Privatsphäre ist hier ein Luxusgut; stattdessen gibt’s Hochbetten und fremde Haare auf dem Fußboden. Auch wenn ich dachte, dass ich mich nie daran gewöhne, ist es mittlerweile in Ordnung. Ich vermisse zwar mein Bett, meine eigene, abschließbare Tür und meine Ruhe, aber mit meiner Mitbewohnerin hab ich Glück. Sie wirkt zwar manchmal grummelig, ist aber eigentlich richtig cool, Batman-Fan und sagt nur dann was, wenn sie auch was zu sagen hat – wichtig, wenn du dein Leben 24/7 im gleichen Raum führst. Und ab April hab ich meine WG-Mädels dann auch Gott sei Dank wieder.

Stichwort: Fast Food

Amerika ist das Land des Fast Foods, es gibt Fritten, Burger und Donuts en masse und alle sind dick. Quatsch: Das Uni-Fitnesscenter ist topmodern, luxuriös, mit Kletterwand und nagelneuen Maschinen ausgestattet (hohen Studiengebühren sei Dank) und wird viel genutzt. Es gibt Football-, Fußball-, Basketball-, Baseball- und viele andere Sportteams. Und auch ich bin nicht dicker geworden, nur weil ich jetzt hier wohne und esse. In der Mensa gibt es gesunde Alternativen (zum Beispiel Salat, an manchen Tagen übrigens auch das einzig Essbare) und niemand wird gezwungen, sich jeden Tag an der Pizzatheke zu bedienen. Trotzdem ist die Auswahl an gesundem Essen nie so vielfältig wie beim Fast Food und das Essen ist wenig abwechslungsreich. Ich freue mich schon, wenn ich endlich wieder mit meinen Besten kochen kann (Lachs, Steffi!).

Stichwort: Heimweh

Ich habe Heimweh. Und zwar richtig viel, nach meinen Lieblingsmenschen, meinem Bett und meiner Küche in meiner Wohnung, meiner Uni, meinem Pub, meiner Theke und sogar nach meinem Edeka am Marktplatz. Am Anfang war’s schlimm, dann wurde es langsam besser. Aber ich habe immer noch meine Phasen, in denen ich einfach nur nach Hause will und dann merke, dass das bei guten 8000 Kilometern einfach nicht drin ist. Ablenken klappt dank den lieben Mädels, die ich hier gefunden habe, aber gut – und schließlich komm ich schon in 51 Tagen nach Hause.

Zwischenfazit

Ich habe viel geflucht und geheult, mich unwohl und überfordert gefühlt und trotzdem: Irgendwie hab ich es geschafft, mich damit zu arrangieren. Die Stadt ist furchtbar langweilig, ohne Auto kaum erträglich und der Campus meist spießig, aber ich habe tolle Menschen kennengelernt und neue Erfahrungen gesammelt. Auch wenn ich nicht alles super finde und das Semester sicher nicht die beste Zeit meines Lebens ist, ist es zumindest eines: Eine Zeit in meinem Leben, die mich irgendwie weiterbringt und an der ich wachse – trotz oder gerade an ungewohnten Regeln, übertriebenem Heimweh und einer Kultur, die fremder ist, als zunächst gedacht.

Von Anna (Spokane, WA, USA)

P.S.: Adiletten

Ja, man trägt hier Adiletten, und zwar in Kombination mit kurzen Sporthosen und hochgezogenen Socken. Kein Witz!

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