„Wenn du Südamerika kennenlernen willst, darfst du nicht nach Chile gehen“

Meine zweite Reise geht in den hohen Norden: von der Atacama-Wüste in Chile in die Salzwüste Boliviens, in bolivianische Städte, in den peruanisch geprägten Norden Chiles und schließlich zurück in das Wüsten-Dorf San Pedro de Atacama. Ich hoffe, ich kann euch ein wenig mitnehmen auf eine Reise durch atemberaubende Natur, lateinamerikanische Traditionen und erschreckende Armut.

Der Salar de Uyuni

10 000 Quadratmeter Salz auf fast 4000 Meter Höhe, farbenprächtige Lagunen, rosane Flamingos und brodelnde Geysire – von solchen Anblicken waren die ersten Tage meiner Reise geprägt. Der Salar der Uyuni in Bolivien ist der größte Salzsee der Welt und umgeben von trockenem Niemandsland und Vulkanlandschaft. Von San Pedro de Atacama, einem kleinen Dorf in der Atacama-Wüste in Chile, werden zahlreiche Touren angeboten, um in diese fantastische Welt einzutauchen. Auf eigene Faust ist es fast unmöglich, sich in der Wüste zurecht zu finden, denn es gibt weder Straßen noch Schilder. Bei dem Versuch sind auch schon Touristen gestorben.

Früh am Morgen steigen wir in den silbernen Jeep, in den sechs Personen passen und unser Fahrer Isaac. Isaac ist Bolivianer und erst 27 Jahre alt; er sieht mit seiner sonnengerbten Haut und seinen ernsten Gesichtszügen aber aus wie Ende Dreißig. Er kennt sich aus in der Wüste. Bereits nach einigen Stunden passieren wir die chilenisch-bolivianische Grenze. Stundenlang fahren wir durch karge Wüstelandschaft:  vorbei an rauen Felsen, staubtrockener Erde und den weichen Konturen der Sandhügel. Dann taucht ein türkises Schimmern in der Ferne auf. Die „Laguna Verde“. Sie wirkt zunächst wie eine optische Täuschung, aber sie ist wirklich da. Der farbliche Kontrast zwischen der toten Erde und dem strahlenden Blau der Lagune wirkt wie in einem Traum. Ich bin hin und weg, aber weiß noch nicht, dass mich noch viel schönere Orte auf der Reise erwarten.

Mit dem Jeep fahren wir weiter durch die tote Wüste. Die Wüsten-Landschaft erinnert mich ein bisschen an an den Planeten Tatooine in Starwars, auf dem Luke Skywalker aufwächst. Aber wir befinden uns tatsächlich auf der Erde. Das nächste Highlight ist die warme Termalquelle „Los Polques“, in der wir baden. Mitten in der Wüste – unglaublich. Danach halten wir noch an einer weiteren Lagune und genießen den Ausblick im Desierto Dalí: eine Steinwüste südlich vom Salar de Uyuni. Salvador Dalí war zwar nie dort, aber angeblich hat er genau diese Landschaft in einem seiner Gemälde gemalt. Im Geysirfeld „Geiser Sol de Mañana“ riecht es nach faulen Eiern, denn die brodelnden Geysire beinhalten größtenteils Schwefel.

Am Abend kommen wir bei unserer ersten Unterkunft an. Wie sind mittlwerweile auf fast 5000 Metern Höhe und ich habe tierische Kopfschmerzen. Die Bolivianer kauen massenweise Koka-Blätter, denn das hilft, den Höhenunterscheid auszugleichen. Bei mir bringen die Blätter leider nicht viel. Nach dem Abendessen besuchen wir die „Laguna Colorada“, die sicht nicht weit vom Hostel befindet. Diese Lagune ist mit Abstand einer der schönsten Orte, die ich bisher in meinem Leben gesehen habe. Das Wasser ist pink gefärbt; das kommt von den Mikroorganismen, die darin leben. Die Farbe wechselt jedoch je nach Jahreszeit. Farblich angepasst starksen hunderte Flamingos durch die Lagune. Ich fühle mich, als befände ich mich in einem Dokumentarfilm über Natur-Wunder.

Die folgende Nacht wird leider zu einer der schlimmsten Nächte meines Lebens. Aufgrund der Höhe habe ich immer noch schlimme Kopfschmerzen und  mir ist übel. Ich mache die ganze Nacht kein Auge zu und kann beim Frühstück kaum etwas essen. Ich bin allerdings nicht die einzige; der Großteil der Mädchen hing die halbe Nacht über der Kloschüssel. Am zweiten Tag verlieren wir zum Glück etwas an Höhe, weshalb es mir bald besser geht. Wir fahren weiter durch die Wüste, sehen noch mehr traumhafte Lagunen, Flamingos, Vicuñas (eine Art Wüsten-Lama) und den Vulkan Ollagüe. Der Vulkan ist 5870 Meter hoch und teilt Chile und Bolivien.

Am dritten Tag sind wir endlich im Salar de Uyuni – der größten Salzwüste der Erde. Wor stehen um fünf Uhr morgens auf, um den Sonnenaufgang zu sehen. Da unser Fahrer Isaac aber wie immer zu spät dran ist, verpassen wir den Sonnenaufgang leider knapp. Trotzdem ist der Anblick magisch, als die gerade aufgegangene Sonne die Salzwüste in ein goldenes Licht taucht. Den gesamten Tag verbringen wir in verschiedenen Orten der Salzwüste. Sie erscheint unendlich groß und ich fühle mich als Mensch winzig klein. Am Horizont sieht man nichts, nur die verschwommene Linie zwischen Wüste und Himmel. Wir fahren mit dem Auto quer durch die Salzwüste und auf einmal taucht am Horizont etwas auf. Als wir uns nähern, sehe ich, dass es eine Insel ist: die „Isla Incahuasi“, eine Insel mitten in der Wüste mit riesigen Kakteen. Mittags besuchen wir einen kleinen Markt mit Handarbeiten in dem Dorf „Pueblo de Colchani“. Die Menschen in dem Dorf leben nur von den Touristen. Die meisten sind bettelarm. In den Seitenstraßen spielen Kinder im Dreck, die meisten haben noch nicht einmal Schuhe. Trotzdem wirken sie glücklich.

Die Minen von Potosí

Wir beenden unsere Tour in Uyuni, einem kleinenm Dorf, das für die meisten Touristen nur einen Zwischenstopp darstellt. So auch für uns, denn am Abend nehmen wir einen Bus nach Potosí. Potosí liegt im Zentrum Boliviens am Fuß des Berges „Cerro Rico“ („reicher Berg“). Schon die Inka hatten dort das Silber entdeckt, das später die spanischen Eroberer in die Stadt lockte. Bis heute sind die Minen von Potosí der wichtigste Arbeitgeber der Stadt und gleichzeitig Touristenattraktion Nummer Eins. Mit einem Touristenführer, der früher selbst in der Mine gearbeitet hat, steigen wir in einer kleinen Gruppe in eine Mine hinab. Ich bin froh, dass ich keine Klaustrophobie habe, denn die Tunnel sind eng und man muss fast durchgehend mit gebeugtem Kopf laufen. Als wir einen Minen-Wagon auf uns zu fahren hören, müssen wir schnell zur Seite springen und robben anschließend auf dem Bauch weiter durch eine Felsspalte. In der Mine wird 24 Stunden gearbeitet. Der Lohn ist für bolivianische Verhältnisse gut, denn das Durchschnittsgehalt liegt in Bolivien bei circa 200 Euro im Monat. Eigentlich gibt es ein Gesetz, das besagt, dass man erst ab einem Alter von 18 Jahren in der Mine arbeiten darf. Da das aber niemand kontrolliert, arbeiten hier teilweise 14- oder 15-jährige Jungen knallharte körperliche Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen. Um es in der dunklen, engen Umgebung ohne Tageslicht auszuhalten, trinken die Minenarbeiter hochprozentigen, puren Alkohol aus kleinen Plastikflaschen, die mich eher an den Chemie-Unterricht erinnern. In der Mine ist ein überdurchschnittlich hoher Schadstoff-Gehalt in der Luft und jede Menge Staub. Deshalb kauen die Arbeiter durchgehend auf einer Hand voll Koka-Blättern, damit sich darin der Dreck sammelt und nicht in ihren Lungen.  Und sicherlich hilft Kokain ihnen, um die Arbeit zu ertragen. Wir befinden uns in Bolivien einige Wochen vor den Präsidentschaftswahlen, aber dafür interessiert sich hier niemand. „Die Regierung interessiert sich einen Dreck für die Arbeiter hier und die schlechten Arbeitsbedingungen. Niemand hier hat Vertrauen in die Politik, weil sich nichts ändern wird“, sagt unser Leiter. Wöchentlich gibt es Unfälle in der Mine. Ab und zu stirbt auch jemand, aber niemand weiß genaue Zahlen, weil die Leute teilweise einfach nicht mehr auftauchen. Das sagt man uns erst draußen, weil es Unglück bringt, unter Tage über Unfälle zu sprechen. Potosí lebt von den Minen. „Ich arbeite hier, weil ich meine Familie ernähren muss und es hier keine andere Arbeit gibt“, sagt ein Bergarbeiter. Nach der Führung fühle ich mich niedergeschlagen und an mir nagt ein schlechtes Gewissen. Ich hatte schon vorher ein mulmiges Gefühl bei dem Gedanken, dass die Minenarbeiter hier als „Touristenattraktion“ vermarktet werden. Dieses Gefühl hat sich dann mehr als bestätigt, als ich die Touristen mit ihren Kameras gesehen habe, die Selfies mit verarmten, verdreckten Arbeitern machen. Für die dreistündige Minen-Tour haben wir mehr bezahlt, als die Bergarbeiter am Tag verdienen. Von dem Geld sehen sie natürlich nichts, denn es fließt an die Reiseagenturen. Die Minen haben sich hier mittlerweile zu einer regelrechten Goldgrube für die Tourismus-Branche entwickelt. Irgendwie makaber.

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Die weiße Kolonial-Stadt Sucre

Sucre ist eine wunderschöne Stadt mit weißen Häusern im Kolonial-Stil. Zwischendurch glaube ich, dass ich in Griechenland bin und nicht in Bolivien. Nur die Menschen sehen anders aus. Ich bin begeistert von den vielen Frauen in den Straßen, die traditionelle Kleider und Hüte tragen und sich mit bunten Tüchern ihre Kinder oder auch ihre Einkäufe auf den Rücken schnallen. Das Wetter ist fantastisch und wir schlendern durch die Stadt, hoch zu einem Aussichtspunkt, wo wir auch einen kleiner Markt finden. In Bolivien werden überall handgestrickte Pullover, Schals und andere Textilien für (für Europäer) unfassbar günstige Preise verkauft. Eine Frau, der wir ein paar Sachen abkaufen, ist überglücklich und bedankt sich zehn Mal. Es ist zwar traurig, aber wahrscheinlich entspricht der Warenwert ihrem Monatsgehalt. In Bolivien werde ich erstmals richtig mit der Armut konfrontiert. Hier prallen zwei Welten aufeinander: die reichen Europäer, die ihr Geld loswerden wollen, Fotos machen und irgendwie auch Mitleid haben und die obdachlosen Menschen auf der Straße, die als touristische Attraktion degradiert werden, aber gleichzeitig von den Touristen profitieren. Ich mache mir viele Gedanken darüber, was hier richtig und was falsch ist. Eine Antwort finde ich nicht. Mich quält das Gefühl, diese Welt als Außenstehender zu betrachten, aber nichts ändern zu können.

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Iquique und die „Fiestas Patrias“

Von Sucre aus fahren wir nach Iquique, zurück nach Chile. Nach Bolivien erscheint mir Chile wie eine komplett andere Welt. Hochhäuser, teuere Hotels, modern gekleidete Menschen – eigentlich ähnelt Chile viel mehr der westlichen Welt als ich gedacht habe. „Wenn du die lateinamerikanische Kultur kennenlernen willst, musst du nach Bolivien, Kolumbien oder Peru gehen. Aber nicht nach Chile“, sagt mir ein Chilene. Wir sind hauptsächlich nach Chile zurückgekehrt, um den Nationalfeiertag am 18. September, die „Fiestas Patrias“, mitzuerleben. Gefeiert wird nicht die Unabhängigkeit (wie viele glauben), sondern die erste Zusammenkunft der Regierung 1810. Die Region rund um Iquique gehörte vor dem Pazifikkrieg zu Peru, deshalb gibt es hier bis heute Konflikte zwischen Chilenen und Peruanern. Auch die Bolivianer sind sauer auf die Chilenen, weil sie ihnen den Zugang zum Meer weggenommen haben. Bei einer Parade durch die Stadt am 18. September wird der traditionelle chilenische Tanz „Cueca“ getanzt. Hauptsächlich ist es jedoch eine Militärparade mit Soldaten, Panzern und Waffen, was mich doch sehr schockiert. Später sagt man mir, das mache man im Norden so, um den Peruanern zu zeigen, wer das Sagen hat. Für mich bleibt es eine eine Verherrlichung von Krieg und Waffen.

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San Pedro de Atacama

Schließlich schließen wir den Kreis und fahren zurück nach San Pedro de Atacama. Diese kleine Dorf in der Atacama-Wüste gefällt mir unheimlich gut. Es ist ruhig und friedlich, die Menschen sind freundlich und hilfsbereit und es gibt viele kleine Restaurants und Cafés mit Naturprodukten und versteckten Hintergärten. Von San Pedro aus kann man zahlreiche traumhafte Orte in der umliegenden Wüste besuchen. Es gibt jede Menge  Agenturen, die Touren an die verschiedenen Orte anbieten. Man fährt dann in einem Bus mit anderen Touristen und wird alle paar Kilometer für zehn Minuten zum Fotos machen freigelassen. Um diesem Zirkus zu entgehen, ziehen wir auf eigene Faust los. Wir machen eine Fahrradtour ins „Valle de la Luna“ („Tal des Mondes“), das so heißt, weil das Gestein an die Oberfläche des Mondes erinnert. Mit dem Fahrrad fliehen wir vor den Touristengruppen. An einem anderen Tag machen wir uns auf zur Laguna Cejar, eine Lagune mit einem Salzgehalt so hoch wie der im toten Meer, weshalb man an der Wasseroberfläche treibt und Schwierigkeiten hat, Schwimmbewegungen zu machen. Die „Ojos del Salar“ („Augen der Wüste“) sind zwei natürliche Löcher im Boden mit eisigem Süßwasser, in das wir hineinspringen. Abends schauen wir den Sonnenuntergang an der „Laguna Blanca“ an. Die untergehende Sonne taucht alles in ein rosa und lila farbenes Licht. Die Berge spiegeln sich im Wasser. Einfach ein Traum.

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Mehr Fotos von der Reise gibt es hier:

https://www.flickr.com/photos/128076885@N05/sets/

Von Sophia Boddenberg

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