Ohne Moos wenig los

Nach einem Monat in der Schweizer Metropole Zürich ziehe ich meine erste „Bilanz“: ich bin zwar um viele Eindrücke reicher, aber auch um einige Schweizer Franken ärmer. Über das Studentenleben in einer der teuersten Städte der Welt. 

Ob ich nicht lieber ins „richtige“ Ausland gehen möchte und ob ich eigentlich wisse, wie teuer die Schweiz zum Leben so sei, Fragen wie diese habe ich vor meinem Auslandssemester nicht nur einmal gehört. Die Erwartungen an mein Auslandssemester waren dementsprechend mäßig. Bisher kann ich sagen, dass sich ein paar der Befürchtungen zwar bewahrheitet haben, andere haben sich dafür in Luft aufgelöst.

Die Alpen. Berge und Seen. Skifahren im Winter, Wandern im Sommer. Urige abgelegene Hütten bewohnt von grummeligen Almöhis. Käsefondue und Schokolade. Unverständliches Schywzer Dütsch und Neutralität in Sachen Politik – all das sind Dinge, die man mit der Schweiz verbindet. Fernab von idyllischen Landschaften hat die Schweiz auch noch anderes zu bieten. Nämlich Großstädte, elegante Großstädte. Eine davon möchte ich euch auf diesem Blog vorstellen: Zürich. Eine Stadt, in der man zwischen zwei Bahnstationen beides haben kann – Großstadt-Trubel und Natur pur.

Nur einen Sprung vom Hauptbahnhof entfernt: zum Rigiblick fährt eine kurze Seilbahn. Sobald man aussteigt, hat man nicht nur eine atemberaubende Landschaft vor sich, sondern auch Ruhe vor den Menschenmengen in der Stadt.

Nur einen Katzensprung vom Hauptbahnhof entfernt: zum Rigiblick fährt eine kurze Seilbahn. Hier hat man nicht nur eine atemberaubende Landschaft vor sich, sondern auch Ruhe vor dem Treiben der Großstadt.

Die Stadt

Im Vergleich zu einer Großstadt in Deutschland wirkt Zürich mit seinen 400.000 offiziellen Einwohnern fast schon wie eine Kleinstadt. Dazu kommen noch zwei Mal so viele, wenn man die Menschen dazu rechnet, die zwar in Zürich arbeiten, aber außerhalb wohnen. Ansonsten hat Zürich alles zu bieten, was das Großstädter-Herz begehrt: wunderschöne alte Gebäude, Einkaufsmöglichkeiten an jeder Ecke, eine gute Verkehrsanbindung (man ist auch so relativ schnell von A nach B gelaufen), ein großes Kulturprogramm und ein facettenreiches Nachtleben. Zürich hat als Schweizer Wirtschaftszentrum auch noch eine andere Seite. Eine elegante Seite. Zwischen Hauptbahnhof und Zürichsee liegt die bekannte Bahnhofstrasse, der Laufsteg Zürichs. Namhafte Boutiquen reihen sich hier aneinander, die beiden Schweizer Großbanken Credit Suisse und UBS haben am Paradeplatz ihren Hauptsitz und wer Rang und Namen hat, wohnt in einem jener Hotels mit Blick auf den See, in denen der Portier im Frack rumläuft. Das Wundervolle an Zürich ist, dass man innerhalb weniger Minuten dem Lärm der Stadt entfliehen kann. An der Limmat (Fluss) oder am Zürichsee kann man die Seele baumeln lassen. Und wenn man lieber weniger Wasser und dafür mehr Grün haben will, fährt man einfach mit der nächsten Tram zu einem Park oder zu einer Seilbahn, von wo aus man die Stadt im Miniaturformat sehen kann.

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Der Paradeplatz steht für den Schweizer Wohlstand. Die beiden Großbanken UBS und Credit Suisse haben ihr ihren Hauptstandort.

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Die Promenade des Zürichsee bei Dämmerung.

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Ein Boot auf dem Zürichsee.

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Blick auf einen Teil der Zürcher Altstadt an der Limmat.

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Rigiblick bei Sonnenuntergang.

Mit einem Vorurteil muss ich an dieser Stelle auf jeden Fall noch aufräumen. Wer glaubt, dass Zürich kein „richtiges“ Ausland ist, dem sollte gesagt sein, dass in Zürich der Ausländeranteil bei rund 30 Prozent liegt. Es werden viele verschiedene Sprachen gesprochen und dass auch Schwyzer Deutsch oft wie eine Fremdsprache ist, das könnt ihr weiter unten lesen.  

Die Uni

Zur Uni kann man, muss man vielleicht sogar, mal den Vergleich mit Eichstätt ziehen. Die Universität Zürich ist nämlich die größte Uni in der Schweiz, die KU dahingegen die kleinste Uni in Bayern. Mit ungefähr 26.000 Studenten hat die UZH fast doppelt so viele Studenten, wie Eichstätt Einwohner hat. Das macht sich nicht nur in der Struktur, sondern auch in den Vorlesungen bemerkbar. Die UZH hat 3 riesige Campusse mit unzähligen Gebäuden, wo man sich sehr schnell verlaufen kann. Zwischen den Campussen fahren Pendelbusse oder die Tram, von einem zum anderen Standort kann es bis zu 30 Minuten dauern. Der Campus, an dem die meisten Publizistikkurse stattfinden, ist der Irchel-Park. Zugegeben die Uni sieht einfach nur aus wie ein riesen Betonklotz, aber der Park drumherum ist wirklich wunderschön.

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Inmitten des Irchel-Parks ein See mit vielen Enten.

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Der Weg zur Universität Irchel am ersten Tag.

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Der Campus in Irchel hat alleine 10 Gebäude ungefähr.

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Das Hauptgebäude der UZH im Stadtinneren.

Im Vergleich zu Eichstätt sind die Kurse an der Uni in Zürich deutlich größer. In den meisten Publizistikkursen sitzen um die 100-150 Studenten. Man hat also mehr das Gefühl die berühmte „Matrikelnummer im System“ zu sein. Ob man zur Uni geht oder nicht, interessiert hier wirklich niemanden. Zwei, drei Besonderheiten:

  • Die Vorlesungen dauern hier meist zwei Stunden, dafür hat man zwischendurch 15 Minuten Pause.
  • Das Essen in der Mensa kostet umgerechnet zwischen 4,50 und 8 Euro. Wasser gibt es hier, sowie an Brunnen überall in der Stadt, gratis.
  • Da es für die Schweizer Partner-Unis keine Erasmusförderung mehr gibt (Grund: Einwanderungsbeschränkung), bekommen wir von der Schweizer Regierung ein Stipendium, das höher ist als die Förderung über Erasmus. Klingt komisch, ist aber so.
  • Viele der Dozenten kommen aus Deutschland und sprechen daher gutes Hochdeutsch, bei manchen Schweizer Professoren, aber auch Studenten, merkt man, dass Hochdeutsch mehr Barriere als Erleichterung ist.

Die Sprache

Jaaaa, wie gerade schon erwähnt – so manches Mal hätten Jonas und ich uns ein Wörterbuch gewünscht mit der Aufschrift „Schwyzer Dütsch – Deutsch / Deutsch – Schwyzer Dütsch“. Denn manchmal ist es echt schwer zu verstehen, was die lieben Eidgenossen mit ihren „chr“- und „li“-Lauten so meinen. Bei einer Einführungsveranstaltung für alle internationalen Studierenden sagte man uns: „Wenn die Schweizer mit Ihnen nicht Hochdeutsch sprechen, liegt es schlicht und ergreifend daran, dass Sie es nicht können“. Das mag bei vielen Leuten zutreffen, andere wollen einfach kein Hochdeutsch reden. Denn Dialekte werden in der Schweiz groß geschrieben. Dadurch kommt man sich manchmal vor als wäre man auch hier im deutschsprachigen Ausland richtig im Ausland. Nicht nur, weil so viele Menschen aus anderen Ländern hier leben, sondern auch weil die Schweizer ganz besondere Ausdrücke verwenden. Hier ein paar Beispiele:

  • Posten heißt bei den Schweizern nicht etwa, dass sie etwas auf Facebook posten oder dass sie zur Post gehen. Schweizer gehen einkaufen, wenn sie posten.
  • Wenn jemand einen Unfall hatte und dabei nicht gestorben ist, sagt der Schweizer dazu „verunfallt“.
  • Sommerzeit ist Grillzeit. Wenn die Schweizer grillen wollen, heißt das bei ihnen „grillieren“. Die Erklärung dazu: Grillen sei immer noch die Mehrzahl der Grille (Tier). Deshalb haben die Schweizer für unser Grillen ein neues Wort.
  • Parkieren meint unser deutsches „Parken“. Parkiert werden darf in der Schweiz grundsätzlich nichts. Weder Autos, noch Velos, noch die Schuhe auf den Sitzen in der Bahn.
Rechtes Bild: "Parkieren Sie ihre Schuhe nicht auf den Sitzflächen"

Rechtes Bild: „Parkieren Sie ihre Schuhe nicht auf den Sitzflächen“

Essen und Trinken

Da wären wir auch schon beim Knackpunkt des Auslandssemesters in einer der teuersten Städte der Welt. Dass Zürich bzw. die Schweiz im Allgemeinen recht teuer ist, wusste ich schon aus diversen Skiurlauben. Wenn man allerdings mal für einen längeren Zeitraum hier wohnt, weiß man das es stimmt. Groß Essen gehen ist hier nicht. Die meisten Restaurants sind superteuer. Ich habe es einmal gewagt Pizza essen zu gehen und habe für eine durchschnittliche Pizza und einen halben Liter Wasser 30 Franken gezahlt. Das sind umgerechnet 25 Euro. Selbst Fastfood-Ketten wie McDonalds oder Burger King haben hier saftige Preise. Ein Menü bekommt man für ungefähr 10 Euro, zwei Cheeseburger für 7. Wenn man im Supermarkt einkaufen geht, sind die Preise auch verhältnismäßig hoch. Für einen Einkauf, für den man in Deutschland 20-30 Euro ausgegeben hätte, zahlt man hier ungefähr 40-50 Franken. Vor allem Säfte, Müsli, Fleisch und Kosmetikartikel sind in der Schweiz extrem teuer. Dafür haben die Supermärkte zum Teil bis 24 Uhr auf, die meisten auf jeden Fall bis um 22 Uhr.

Leben

Neben den hohen Preisen für Lebensmittel ist auch das Wohnen in Zürich nicht gerade günstig. Wir zahlen für ein Studentenwohnheim, das ca. 15 Minuten mit der Tram vom Stadtzentrum entfernt liegt, 545 Franken miete. Das sind 450 Euro. Mit unserem Stipendium von 420 Franken im Monat können wir also nicht mal die Miete decken. Für Zürcher Verhältnisse ist das allerdings noch ziemlich günstig. Dafür haben wir aber auch nur ein 12qm Zimmer, das mehr an Jugendherberge als an ein gemütliches Heim erinnert. Gemeinsam mit 190 anderen Studenten aus der ganzen Welt wohne ich für dieses Semester in der Meierwiesenstraße 62. Wir teilen uns eine (!) Küche, sowie Bäder auf jedem der vier Stockwerke.

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Mein Zimmer beim Einzug.

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Erinnert ein bisschen an eine moderne Gefängniszelle.

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Meierwiesenstraße Zwei & Sexy von außen.

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Unser ganzer Stolz: eine saubere Küche.

Trotzdem gehört Zürich seit Jahren schon zu den Städten mit der höchsten Lebensqualität weltweit. Es ist nicht nur eine sehr saubere, sondern auch eine sehr sichere Stadt. Selbst in der kriminellsten Ecke hier, komme ich mir noch sicherer vor als in manchem Viertel zuhause. Mit einem entsprechenden Schweizer Gehalt wäre das Leben hier bestimmt noch lebenswerter.

Wusstet ihr, …

…dass der deutsche Schuhladen Deichmann in der Schweiz Dosenbach heißt? Das Logo und die Homepage sind gleich, nur der Name ist ein anderer.

…dass in der Schweiz an den Tankstellen Diesel teurer ist als Benzin?

…dass jeder Mann zwischen 25 und 40 Jahren in der Schweiz ein Sturmgewehr im Waffenschrank bei sich zuhause haben muss? Damit die Schweiz im Falle eines Angriffs direkt gewappnet ist.

…dass der Anbau von Cannabis für den Eigenbedarf in der Schweiz erlaubt ist? Bis zu 10g darf jeder Bürger mit sich führen.

Von Leonie Hain

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