Helden oder Mörder?

Am 12. Oktober wird in Chile und im Rest Lateinamerikas der „Tag der Rasse“ („día de la raza“) und damit die Ankunft von Kolumbus auf dem Kontinent gefeiert. Für die Eingeborenen Chiles, die Mapuche,  ist es kein Feiertag, sondern Anlass zum Protest. 

Eine Stahlkugel aus dem Gewehr eines Polizisten trifft Alex Lemún in den Kopf. Der 17-Jährige liegt fünf Tage lang im Koma und stirbt schließlich am 12. November 2002 in einer Klinik in Temuco in der Region La Araucanía im Süden von Chile. Er war Mapuche und Aktivist. Mit einer Gruppe von anderen Mapuche-Aktivisten hatte er ein Stück Land besetzt, das von einem Holzunternehmen beansprucht wurde, ursprünglich aber den Mapuche gehörte. Die chilenischen Polizisten, die „Carabineros“, räumten das Grundstück anschließend mit Gewalt und töteten bei den Auseinandersetzungen den Jungen.

Ein Protest in Gedenken an den Tot von Alex Lemún (Quelle:  www.elcuidadeno.cl)

Ein Protest in Gedenken an den Tod von Alex Lemún (Quelle: http://www.elcuidadeno.cl)

Alex Lemún ist kein Einzelfall, sondern nur ein Teil des lange andauernden Konflikts zwischen den Mapuche und der chilenischen Regierung beziehungsweise den Polizisten. Eine kleine, radikale Gruppe der Mapuche kämpft mit Protesten, Streiks und Brandanschlägen für die Rückgewinnung von Land und für mehr Anerkennung. Es gibt zahlreiche Fälle von Mapuche, die bei Auseinandersetzungen mit der Polizei getötet, verletzt und verhaftet wurden. Diese Fälle zogen wiederrum weitere Proteste nach sich. In den chilenischen Zeitungen liest man davon so gut wie nie.

„Sie haben meine zwei Söhne ermordet!“, schallt eine leidende Frauenstimme  in der flimmernden Mittagshitze durch eine Straße in Santiago. Auf der Bühne steht ein einsames Mikrofon. Ich suche mit meinen Augen die Straße ab, aber die Besitzerin der Stimme finde ich nicht. Denn sie läuft von Band. Es ist die Stimme von Luisa Toledo, die Mutter von zwei Brüdern, die während der Militärdiktatur von Pinochet getötet wurden. Ich befinde mich auf einer kleinen Veranstaltung in der Nähe der Metro Station Santa Rosa in Santiago mit dem Titel „Solidarische Tagung in Verachtung jeglicher Art von Unterwerfung“ („Jornada solidaria en desprecio a todo sometimiento“). Damit bezieht man sich unter anderem auf die Unterdrückung der Mapuche in Chile. Denn es ist Samstag, der 11. Oktober, ein Tag vor dem Tag, an dem die Ankuft der spanischen Eroberer gefeiert wird. Dieser Feiertag ist stark umstritten, da offiziell die Eroberung Lateinamerikas gefeiert wird, die indigenen Völker in dem Tag aber den Beginn von Ausbeutung und Gewalttaten ihnen gegenüber sehen. Lediglich in Venezuela und in Nicaragua wurde der Name geändert: Dort heißt er jetzt „Tag des indigenen Widerstandes“ („Día de la Resistencia Indígena”). In Chile hingegen bleiben die Forderungen und Proteste der Mapuche weitestgehend ungehört.

Eine kleine Protest-Veranstaltung in Santiago am 11. Oktober 2014

Eine kleine Protest-Veranstaltung in Santiago am 11. Oktober 2014 (Quelle: SB)

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In ihrer Sprache Mapudungun heißt „Mapu Che“ übersetzt „Menschen der Erde“. Es leben fast eine Million Mapuches en Chile, das entspricht circa sieben Prozent der Bevölkerung Chiles. Das Volk der Mapuche ist das einzige indigene Volk Lateinamerikas, dem es gelungen ist, sich gegen die spanischen Eroberer zu behaupten. Es gibt viele Mapuche, die in Ballungszentren leben und sich lediglich durch ihren Nachnamen von den anderen Chilenen unterscheiden. Die meisten von ihnen aber leben im Süden Chiles in Reservaten („communidades“), die ihnen während der Pinochet-Diktatur zugeteilt wurden. Aus dieser Zeit stammt auch das Anti-Terror-Gesetz, das die Proteste der Mapuche als terroristische Attentate klassifiziert. Es erlaubt eine zweijährige Untersuchungshaft und untersagt den Anwälten in den ersten sechs Monaten die Akteneinsicht. Das Gesetz wurde schon mehrfach international kritisiert, aber bisher nur unzureichend modifiziert. Die Verhältnisse in den chilenischen Gefängnissen sind katastrophal, weshalb die gefangenen Mapuche regelmäßig in Hungerstreik gehen.

Die Flagge der Mapuche (Quelle: www.imagui.com)

Die Flagge der Mapuche (Quelle: http://www.imagui.com)

Auf der Veranstaltung, auf der ich mich befinde, gibt Live-Musik, eine Fotoausstellung, Bücher, Hefte, unabhängige Zeitschriften, Schmuck und veganes Essen. Und einen Gemeinschaftstopf („olla commún“) mit Linsensuppe. Diese Töpfe sind typische für „alternative“ Veranstaltungen wie diese. Die Zeitschriften, die über den Mapuche-Konflikt berichten, sind zwar eher amateurhaft gestaltet, sollen aber das Defizit der einseitigen chilenischen Presse ausgleichen, in der die Mapuche keine Stimme haben. Wenn gerade keine Musik gespielt wird, werden Monologe von Angehörigen von Opfern abgespielt, die von ihren oft sehr leidvollen Erfahrungen erzählen.

Am Sonntag, dem 12. Oktober finden sich tausende Menschen im Zentrum Santiagos ein: Mapuche und Nicht-Mapuche, Rapa Nui (die Eingeborenen der Osterinsel), aber auch Palästinenser und unbeteiligte Sympathisanten. Denn es soll ein Tag im Gedenken an alle unterdrückten Völker sein.

Protestmarsch in Santiago am 12. Oktober 2014 (Quelle: www.radiodelmar.cl)

Protestmarsch in Santiago am 12. Oktober 2014 (Quelle: http://www.radiodelmar.cl)

Von Sophia Boddenberg

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