Zwischen Sternenhimmel und mystischen Bergdörfern – der Norte Chico

Meine erste Reise in den chilenischen Norden liegt hinter mir – ein magischer Ort voller Kontraste.

Der Norte Chico (der kleine Norden) liegt etwa 500 Kilometer nördlich von Santiago und darf bei einer Chile-Reise nicht fehlen. Mit zwei Irinnen, zwei Spanierinnen und zwei Deutschen habe ich dort vier Tage verbracht. Östlich der vom Kolonialstil geprägten Stadt La Serena befindet sich das Elqui-Tal: Ein verzaubertes Tal mit vielen kleinen verschlafenen Dörfern, atemberaubendem Panorama und sehr gastfreundlichen Menschen.

Nach circa sieben Stunden Busfahrt sind wir morgens um 6 Uhr in La Serena angekommen. Der Bus war so gemütlich – mit Decken und Bein-Ablage – dass wir alle hervorragend geschlafen haben. Kein Vergleich zum Flugzeug! Von dort aus sind wir weiter nach Vicuña gefahren, wo wir unsere ersten beiden Nächte verbracht haben. Die chilenische Literatur-Nobelpreisträgerin Gabriela Mistral wurde dort geboren. Ansonsten gibt die kleine Stadt nicht viel her, ist aber ein idealer Ausgangspunkt, um weiter ins Tal zu reisen. Unser kleines Haus lag mitten im Nirgendwo, die einzigen anderen Bewohner waren die beiden Hunde Madonna und Anastasia.

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Nach einer kleinen Wanderung durch die Weingärten sind wir hinauf auf die kahlen Felsen geklettert. Madonna und Anastasia immer auf den Fersen. Oben angekommen hörte man keine Straße, kein Meer, keine Menschen. Einfach nur Stille. Um uns herum sandbraune Felsen, riesige Kakteen und Halbwüste, unten im Tal das kleine Dorf Vicuña. Einfach mal innehalten, durchatmen, den Blick schweifen lassen. Ein Moment – irgendwie magisch. Der Abstieg war etwas abenteuerlich, sodass auch die letzten zwei Mädels (darunter ich) beschlossen haben, sich Wanderschuhe zuzulegen. Den restlichen Nachmittag haben wir uns an den Pool in die Sonne gefläzt.

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Nachdem wir uns den ganzen Tag nur von Keksen ernährt hatten, machten wir uns abends auf nach Vicuña in das Restaurant „Paraíso del Elqui“, ein kleines Lokal mit einem hübschem Garten im Grünen. Während wir auf das Essen warteten, hatte ich die kluge Idee, mich in einem Kinderstuhl zu sonnen: das Resultat sieht man unten. Zum einheimischen Essen – ich hatte gefüllte Avocados mit Quinoa – gab es frische Säfte und zum Nachtisch Crêpes mit Papaya-Honig. Das Elqui-Tal ist bekannt für seine leckeren Papayas.

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Nach Einbruch der Dunkelheit brachte uns ein kleiner Shuttle-Bus zum Observatorio Mamalluca, eine Sternwarte, wo wir eine zweistündige Führung mit Sternbeobachtung gemacht haben. Denn im Norden Chiles sieht man den sternenklarsten Himmel der Südhalbkugel – in 320 Nächten im Jahr ist der Himmel wolkenlos. Deshalb befinden sich dort auch die wichtigsten Observatorien weltweit. Unser Sternenführer hatte leider den schlimmsten chilenischen Nuschel-Dialekt, den ich bis dahin gehört hatte – deshalb habe ich nur circa die Hälfte von dem verstanden, was er uns erzählt hat. Aber ich war ohnehin fasziniert genug vom Ausblick. Noch nie hatte ich das Gefühl, dem Himmel so nahe zu sein. Und noch nie habe ich die Milchstraße über mir gesehen. Und mein Sternenbild. Und ich weiß jetzt, falls ich mich mal in der Wüste verlaufen sollte, wie ich anhand von Sternenbildern die Himmelsrichtungen ausmachen kann. Durch ein gigantisches Teleskop konnten wir den Jupiter sehen. Alle paar Wimpernschläge huschte eine Sternschnuppe vorbei. Umgeben vom unendlichen Universum, abermillionen von Sternen und Planeten fühlt man sich als Mensch doch irgendwie klein und unbedeutsam.

Am nächsten Morgen ging es weiter nach Pisco Elqui: ein kleines, rustikales Dorf, das für den gleichnamigen Schnaps Pisco bekannt ist, eine Art Weinbrand und chilenisches Nationalgetränk. Die Chilenen und die Peruaner streiten sich allerdings darum, wo der Pisco seinen Ursprung hat. Top-motiviert haben wir uns acht Fahrränder ausgeliehen, um damit – die eigentlich nur acht Kilometer – bis nach Horcón zu fahren. Da es sich aber beim Großteil der Räder eher um klapprige Karren mit defekter Gangschaltung handelte und einige der Mädels nicht sehr fahrrad-trainiert waren, schafften es letzten Endes nur zwei bis zum Ziel. Die Fahrradtour war atemberaubend – im doppelten Sinne.

Horcón ist ein winziges Dorf, das eigentlich nur aus einem kleinen Markt aus Bambushütten besteht. Aber einmal angekommen, wollte ich am liebsten nicht mehr weg. Während ich zwischen Klangspielen, Traumfängern und selbstgeknüpften Mandalas entlang spazierte, fühlte ich mich wie in einer anderen Welt. Am Rande des Marktes plätscherte ein kleiner Fluss. Auf dem Markt wurden alle möglichen handgemachten Dinge verkauft: Schmuck, Lebensmittel, Kosmetik, Kleidung, Deko und so weiter. Eine Verkäuferin, der ich eine Papaya-Marmelade abekauft hatte, sagte zu mir: „In diesem Dorf arbeitet niemand, nur die Marktverkäufer. Alle Anderen haben alles, was sie brauchen, in ihrem Garten. Und leben das Leben.“

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Ich wäre am liebsten noch länger geblieben, aber wir mussten es mit unseren Fahrrädern pünktlich zur Pisco-Führung schaffen. Die Pisqueria „Fundo Los Nichos“ produziert seit 1868 auf traditionelle und ökologische Weise Piscos. Das Wasser dafür kommt aus der naheliegenden Bergquelle. Während des Rundgangs wurde uns nicht nur der Herstellungsprozess des Piscos erklärt, sondern auch einige Geistergeschichten über den Weinkeller erzählt. Denn auf einigen Touristenfotos waren Personen oder Schatten aufgetaucht, von Leuten, die eigentlich nicht da waren.

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Nach einem entspannten Schlender-Tag in La Serena und Sonnenuntergang am Strand war unser letztes Ziel die Isla Damas, eine Insel im Norden von La Serena, die zum Naturschutzgebiet „Reserva Nacional Pingüino de Humboldt“ gehört. Während einer kleinen Bootsfahrt war unser erster Stopp die Isla Choros, auf der 80 Prozent der weltweiten Humboldt-Pinguine nisten, die dem Reservat seinen Namen gegeben haben. Die kleinen Pinguine leben ganz oben auf den Felsen, weil sie Angst vor Menschen haben. Auf Spanisch nennt man sie auch Selbstmord-Pinguine, weil sie sich vom Felsen stürzen, wenn ihnen ein Mensch zu nahe kommt. Pinguine sind außerdem monogam, sie nisten immer mit dem Partner des Vorjahres. Überhaupt nicht stören ließen sich die Seelöwen. Die haben sich in der Sonne geräkelt, im Wasser geplanscht und frech in die Kamera geschaut. Die Isla Choros darf nicht betreten werden, um Tiere und Natur zu beschützen. Die Isla Damas hingegen schon, aber die Zahl der Touristen ist begrenzt. Deshalb durften wir uns auch nur eine Stunde auf der Insel aufhalten. Das reichte gerade für einen Spaziergang zum Strand und wieder zurück – aber gelohnt hat es sich: weißer Sand, türkises Meer und unberührte Natur.

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Am nächsten Abend ging es dann auch schon wieder im Bus zurück nach Valparaíso und am Morgen direkt in die Uni.

Von Sophia Boddenberg

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2 Gedanken zu “Zwischen Sternenhimmel und mystischen Bergdörfern – der Norte Chico

  1. Danke fürs teilen Sophia! Schön zu lesen dass es dir so gut geht und du dein Leben in vollen Zügen genießt! Ich sag nur gefüllte Avocados mit Quinoa und „umgeben vom unendlichen Universum“!!!!! oO

    Alles liebe, Ivan

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  2. Das sieht wirklich unglaublich schön aus – und wenn es auf den Fotos so schön ist, dann muss es in echt ja drei Mal so gut sein 🙂 Du siehst sehr glücklich aus, auch wenn der Kinderstuhl dich gefangen hat!

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