Bildung als Konsumgut

In Chile wird das Bildungssystem dem freien Markt überlassen und funktioniert nach wirtschaftlichen Regeln. Eine Kunstausstellung in der Galería Loba in Valparaíso bietet einen Ort zur Reflexion.

Im Innenhof meiner Uni, der Pontificia Universidad Católica de Valparaíso, ranken Palmen in die Höhe. Am Eingang steht zu jeder Zeit jemand, der die Marmorstufen putzt, sobald sie irgendwie dreckig werden. Und die zwanzig Quadratmeter Gehweg vor dem Eingang müssen auch immer sauber sein. Zehn Zentimeter weiter liegen Plastiktüten, Müll und Zigarettenstummel.

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Der Innenhof der PUCV

Die PUCV ist eine traditionelle Privatuniversität der katholischen Kirche. In Chile gibt es insgesamt 60 Universitäten: 35 private Universitäten und 25 Mitglieder der chilenischen Rektorenkonferenz CRUCh, die sich aus 16 staatlichen und neun traditionellen Universitäten zusammensetzt.

„In Chile ist Bildung ein Konsumgut. Das bedeutet, der Zugang zu diesem Gut hängt von deinem wirtschaftlichen Einkommen ab“, sagt Catalina Olivares, Studentin an der PUCV. Die Studiengebühren in Chile liegen bei bis zu 5000 Euro pro Studienjahr. Die privaten Hochschulen unterliegen keiner Kontrolle, sodass sie die Höhe der Studiengebühren selbst festlegen können. Das Hochschulsystem richtet sich wie ein Markt nach Angebot und Nachfrage: je begehrter ein Studienfach, desto höher die Studiengebühren. Hier zeigen sich noch die Nachwehen der Diktatur von Pinochet in den Siebziger und Achtziger Jahren, der ein radikal neoliberales Wirtschaftssystem nach der Lehre des US-Ökonomen Milton Friedman einführte. Neben dem Gesundheits- und Rentensystem wurde deshalb auch das Bildungssystem privatisiert.

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„Lasst uns die Augen öffen vor der Bildung“ – Rodolfo Jofre

„Studieren es teuer. Unterstützung kommt aber nicht vom Staat, sondern von den Banken“, sagt mein chilenischer Mitbewohner mir. Es gibt kaum Stipendien und keine staatliche Unterstützung, wie zum Beispiel BAföG in Deutschland. Die Alternative sind Studienkredite. Die meisten Studenten oder ihre Familien sind deshalb nach dem Abschluss hoch verschuldet. Jugendliche aus armen Familien haben oft gar keine Möglichkeit zu studieren, da es an den öffentlichen Universitäten nur wenige Plätze gibt und viele die Aufnahmeprüfung nicht schaffen.

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„Fügen Sie hier seinen (akademischen) Titel ein“ – Boris Kuleba

In Chile liegt der Anteil der privaten Bildungsausgaben im Tertiärbereich bei über 75 Prozent. Der Durchschnitt bei den OECD-Ländern liegt bei lediglich 31 Prozent. Das bedeutet, dass in Chile die Familien und privaten Haushalte den Großteil der Bildungskosten tragen.

„Bildung sollte ein soziales Recht sein, zu dem jeder Zugang erhalten sollte“, sagt Catalina. An den Studentenprotesten hat sie nicht teilgenommen, obwohl sie mit den Forderungen übereinstimmt. „Die Proteste hatten meiner Meinung nach eher eine symbolische Wirkung und haben die Einheit unseres Volkes repräsentiert. Aber ich glaube nicht, dass Proteste in Chile als politisches Druckmittel funktionieren.“

Die Präsidentin Michelle Bachelet, die seit 2013 im Amt ist, hat im Wahlkampf mit einer Bildungsreform geworben und damit Forderungen der Studentenbewegung übernommen. Die Studenten forderten in den vergangenen Jahren bei Protesten die Abschaffung der Studiengebühren und die Stärkung der staatlichen Universitäten. Catalina glaubt nicht, dass sich viel ändern wird. „Bachelet wird vielleicht die Studiengebühren abschaffen. Aber die wirklichen Veränderungen, die nötig sind, um die Schwächen im System zu ändern, brauchen Zeit und das wird ein langer Prozess sein.“

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„Die Bank, die Universität und die Regierung“ (von oben nach unten) – Isabel Acuña

Von Sophia Boddenberg

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